Manche Sorgen und Krankheit der geliebten Frau trübten die Meißner Zeit für unsern Künstler; er hat sie scherzend die sieben magern Jahre Pharaos genannt, weils oft knapp herging in seinem Haushalte. Aber sein lebendiges Gottvertrauen und froher Mut hielten ihn aufrecht – und zur rechten Zeit wurde er nach Auflösung der Meißner Zeichenschule 1835 als Akademielehrer nach Dresden berufen an des pensionirten Vaters Stelle. So durfte Richter von schwerer Last befreit, wieder in seine geliebte Vaterstadt zurückkehren, und neue Schaffenslust entfalten. 1841 erhielt er den Professorentitel. Auch wurden ihm noch zwei herzige Töchterlein, Helene und Lieschen bescheert. Warme Liebe umgab ihn zu Hause; seine Schüler hingen voll Verehrung an ihm; seine Kunst brachte ihm mehr und mehr Gunst und Erfolg, er war ein glücklicher Mann und hatte die Höhe des Lebens gewonnen.
Von allen Seiten bekam er Aufträge und sein Stift konnte zeitweise den vielen Wünschen und Bestellungen nicht nachkommen. Viele der Zeichnungen hat seine Tochter Aimée in Holz geschnitten sowie deren Mann, der treffliche August Gaber.
Wäre Richter, wie er ursprünglich sich wünschte, ein Landschaftsmaler geworden und geblieben, so hätte er für reiche Leute, hohe Herren und für Gemäldegalerien Bilder geliefert, und hätte dort für seine Kunstwerke gewiß Anerkennung und Bewunderung gefunden – dem Volke aber, dem einfachen Manne und der Kinderwelt wäre er unbekannt geblieben. Durch die Holzschnitte jedoch, mit denen er die verschiedensten Volks- und Jugendbücher illustrierte, ist er ein rechter Hausfreund geworden. Gott hat ihm eine wunderbare Gabe verliehen, anschaulich, verständlich und dabei mit viel Humor und Liebenswürdigkeit das tägliche Tun und Treiben der Menschen in Haus und Hof, in Feld und Wald, in Lust und Leid, darzustellen, als einer der alles selber erlebt und empfunden hat.
Von Trauer ist sein schönes Familienleben nicht verschont geblieben. Unter den blühenden Rosen des reizend gelegenen Gartenhauses am Haldenschlag erkrankte die älteste Tochter Marie und entschlief nach heißem Kampf, erst achtzehnjährig. Aus jenem großen Leid stammen Richters ergreifende Zeichnungen zu den Liedern: »Es ist bestimmt in Gottes Rat«, und »Es ist ein Schnitter der heißt Tod«, sowie von dem Nachtwächter am offenen Grabe, mit dem bedeutsamen Worte »Marie« auf dem Grabkreuz daneben.
Noch schwerer war der Schlag, der Richter im Sommer 1854 traf, da ihm ganz plötzlich seine treue Hausfrau von der Seite gerissen wurde.
Seine eigenen Kräfte hatten schon begonnen abzunehmen infolge Überanstrengung in Dresden. Im nahen Loschwitz an der Elbe hatte er sich ein hübsch an den Bergeshang gelehntes Bauernhaus gekauft, wo er stillen Sommeraufenthalt mit den Seinen liebte. Im Jahre 1874 erschien sein letztes Werk. Ein einzelnes Blatt aus dem gleichen Jahr trägt seine eigenhändige Unterschrift: Meine letzte Zeichnung L. Richter. Ein Augenleiden, infolge der feinen Zeichen- und Radierarbeiten, hatte dem fleißigen Künstler Halt geboten.
Er benutzte die Muße, um seine Jugenderinnerungen aufzuschreiben. Er hat sie zum Teil seinem Sohne Heinrich diktiert und es ist ein herrliches Buch daraus geworden, das Jedermann nur mit Genuß lesen kann. Als Richter seines Augenlichts zuletzt ganz beraubt war, wurde er von seinen Freunden vielfach bemitleidet. So meinte einmal einer von ihnen, als der Meister im Garten auf und ab ging: ob es ihm, der so viel Sinn für die Herrlichkeit Gottes in seinen Werken gehabt habe, nicht recht schwer sei alle die Blumenpracht jetzt nicht mehr bewundern zu können? »O«, sagte der edle Mann lächelnd, »wenn ich mich so in der schönen Natur ergehe, finde ich gar mancherlei blühende Blumen. Ich überdenke da mein langes Leben und pflücke in so viel herrlichen Erfahrungen ein Blümlein ums andere, bis es am Ende ein großer Strauß wird von lauter Gnadenerweisungen meines Gottes und Heilandes, – an dem sich mein inneres Auge nicht satt sehen kann.«