Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich vorzüglich gegen unser Geschlecht.
Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf eigene Existenz dem Manne in höherem Grade zuteil werden lassen, als die antike Kultur.
Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, unsere Kultur hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als gewährt.
Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten, ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft, und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den Frauen im Hause genommen.“
Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so lange, bis man zu der Meinung kam, die Frau sei zu einer wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt. Das Wort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich nicht auf die Frau.
Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende, einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre Persönlichkeit soweit ausdehnen können, daß sie in geselligen Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen, in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu erfüllen? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine gefährliche Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. Wie aber soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen? Man faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit, über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, zum Egoismus, wenn die Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?
Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten, von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so wird man sich nicht wundern, daß die Ehelosigkeit in den höheren, gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen. – So teile ich aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren 1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der Ehestandskandidaten vorhanden.
In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet, für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.
Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten. Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen, das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre 1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund 700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand: Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben, dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde, einsame Frau!
Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst gestellt, und die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören. Denn ist es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen entgegentritt, zu entrollen?