Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher Weise ihren Lebens unterhalt gewinnen, neben den bleichen, kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß es eine bestätigte Tatsache ist: „Der größte Teil dieses elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter Erziehung.“

Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen aufgeben müssen. Wir sind in Übereinstimmung mit unserem Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in Anspruch nehmen. Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein? Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung, so ist das Recht auf menschenwürdige Existenz gewiß das Urrecht jedes in Gottes Ebenbilde geschaffenen Wesens. Menschenwürdig ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu gebrauchen, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen willen, um der Gesamtheit willen.

Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Ent faltung ihrer geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende, hier sind alle gleich bedürftig.“

Die Lösung der Frauenfrage ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur möglich durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung. Es war daher kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von Resolutionen, mit der Gründung eines Frauenbildungsvereins, der es für seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt), Fortbildungsschulen für Mädchen zu errichten.“ Jeder, der die Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.

Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen: die Schaffung eines dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts adäquaten und doch vielgestal tigen, in allen seinen Teilen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer Kultur führenden Frauenbildungswesens. Vieler Jahrhunderte hatte es bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen. Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt vorschwebte: die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte.

Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:

„Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des Lebens. Und inner halb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend – die Frau!“

b) Friedrich Fröbel.

Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –

Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.