3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu produktiver Arbeit.
Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die überhaupt erst Kultur möglich machen.
Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“ in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner Kulturleistung, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.
Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!
Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am einzelnen Menschen er folgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst (oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen, gleichsam auf die Menschheit im Menschen an. Wenn je ein Pädagog, so betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit sub specie aeternitatis.
Am reinsten und noch völlig „unverletzt“ tritt uns die Menschheit im Kinde, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an, daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das kann nur geschehen durch angemessene bewußte Pflege. Darum ist die früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird seine Bestimmung nicht erfüllen.
Es gilt also die Menschheit zu pflegen in den Kindern. Das ist das erste und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.
Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben nur ein – Pflegen.
Das Bild des Gärtners schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß es also sein Wesen (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine Schützlinge – pflegen.
Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es in der ersten Erziehung. Hier gilt es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu pflegen, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen – oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: Kindergärtnerinnen. Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“ Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut, muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt. Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren und jun gen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten, Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln, auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“