Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher zu sich, die, schwer benommen, inständig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt er breiigen Munds, mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen Plattfingern seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka das seine hin, spricht lang und erregt von
naher Verlobung, baldiger Hochzeit, und ist tief beglückt und süß durchronnen, als Dorka endlich, nicht ohne zu zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr sofort ein.
Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt fünfhundertundzehn Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka, Düsterweg zärtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze, die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, mit großen Augen:
„Onkel, wo hast du das viele Geld her?“
Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie.
Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf die Stirn, dankbar, daß ich ihn geführt habe. Und selig lächelnd auf meine Frau weisend: zum Glück geführt habe! Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht; müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während seiner Abwesenheit: Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Düsterweg der allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila Lieblich, für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark er aufgekommen war. Und renommierend: „Sie ist faul. Nach fünf Nummern schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungenügend!“ Schallendes Gelächter folgt.
Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig Mark. Und lächelnd versucht er: „ein . . . hundert . . . und . . . fünf . . . zig . . . Mark“.
Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer ziehend, springt er auf: „Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage. Ich laß mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!“
Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, fremd, vor Wut entstellt, lächerlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit, flüchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in das Glas schleudert, das zerklirrt . . . Sein Gesicht platzt entzwei. Ein großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt, gespannt aufhorcht: „Sich erschießen? Sich in den Mund schießen? Oder etwa, etwas rückwärts, die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe? Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht zu haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht alles wert? Man muß sich doch einmal Luft machen!“ . . . Und „es ist schön“, weiß er: Und „Dorka, Dorka mein!“
Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wöber drückt dem Düsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese späte Zeit immer schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich zublinzelnd: „das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest gemacht. Auf Wiedersehen.“ Von Bruno Maria Wagner, der „Kapelle“, nimmt man Abschied, der, betrunken, mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld zählt. Von Moses Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt Abschied mit einem letzten