Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die fluchend unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter Bänken, unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Höhle zum Lokal hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend.
Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an meine Schulter gelehnt, der Moritz Düsterweg uns beiden gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft ist anders. Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: „Ich besitze . . .“ Er sieht alt und häßlich dabei aus. Sein Gesicht verzerrt sich idiotisch. Die kleinen, grünen Schusseraugen funkeln, die platten Käsfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich. Der Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfältig, immer wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine Taschen: dreißig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben. Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen, nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich verhaften . . .
Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fünf. Ich gehe mit Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt. Dorka will es. Man müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt zu regnen. Man kehrt um —: Dorka holen. Dorka —: wartete sie nicht hier? Sie ist nicht mehr da.
Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich etwas unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . .
Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstürmend, rufe ich, schallend: „Dorka, die Dorka suche ich . . .“
Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich wiederzusehen: „Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum?“ Aber ich merke gleich, daß er alles schon weiß. „Hans, du siehst sehr angegriffen aus.“ Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach meinen Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . .
Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang durch den englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fühle mich glücklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekräftigt. Die Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glänzt, unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . .
Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. „Vorgestern nacht, Hans, hat deine Frau bei Andreas Söraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe getan“ . . .
Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich muß zugeben, vorgestern nacht war meine Frau nicht bei
mir. Hat sie also wirklich bei Andre geschlafen? Aber, so tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Tränen mühsam unterdrückend, mit brechender Stimme: „Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es . . .“