Man spöttelt weiter: „Deine Frau: ’n prächtiges Weib, ne schöne Hur’ . . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .?“ Ich kann mich nicht mehr rühren. Ich bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.
Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine Frau kommt, meint der ernste Ober: „Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital.“ Oder: „Gegen Mitternacht steigen die Aktien.“ Man macht ringsherum Witze. Ich bin wehrlos. Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen. Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tür kommt, ganz rot, meint Josef:
„Sie ist eine Flamme . . . es knallt.“ Man deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt, frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die deutschen Bürger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen wie Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite Stiefel, Platt- und Schweißfüße, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte Händedrücke sich zärtlich ihren Weibern gegenüber zu erweisen, die, vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen Gesichtern, große Torten verzehrend (—: fett, doppelkinnig, hängebusenhaft . . .). Ihrem Beruf nach Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler: kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, langgebartet, goldblond . . .
Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es splittert, fließt, knaxt . . . Die Musik: sie ist „dorkan“ . . . und die runden Marmortische drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrümmern . . .
Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frühere Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht nicht meine Frau kennen zu lernen.
Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: „ich habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen!“ Und ich sage es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch
wahnsinnig darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen getan. Und doch ich weiß, ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. Ich liebe ihn fast . . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie ähnlich er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße Zähne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach oben gekrümmt. Und ich bemerke seine blauseidenen Strümpfe. Und ich denke an das „rote“ Haus. Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach oben.
Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, daß meine Frau einem anderen gehört hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist furchtbar, daß mir das der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer über mich lachen. Und trostlos: „Wie verkommen, wie haltlos ich bin!“ . . . Aber Josef hat auch gesagt: „Hans, aber du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, — — — . . .“
Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, klein, schwarz und bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sättigt mich. Ich bade.
Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich wieder. Ich habe alles vergessen.