Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter

Tag für Tag. Heute ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn und Busen arg beengt. Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie kann es nicht mehr leisten. Das freut mich irgendwie. Aber zugleich dämmert es allmählich in mir auf: die Türen werden langsam zugemacht. Und kurz vor ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wöber: „Moritz Düsterweg hat sich im Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. Denkt euch nur: er, der Lump hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen . . .“ Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig und sehr aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer grauen Wand.

Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.

Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische Klavier spielen.

Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn. Ich bin schwer belastet.

„Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?“

Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung? Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dünn: „Arbeite!“

Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen, furchtbar, drohend übereinandergetürmt und ein grüner Bach rieselt vergraben, ganz unten, sehr dünn.

Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender

Dämmerung entfernt sie sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. Den Waschkrug hat sie mit frischem Wasser aufgefüllt, bei Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch geborgt. Sie ist sehr entschlossen. Alle Krankheit scheint von ihr gewichen. Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte Rock, ein kleiner brauner Hut, mit roten und weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse . . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas schmerzlich lächelnd und „Adio“. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart anzukommen. Und ich sage mir: meine Frau hat ne feine Fresse.