Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: „Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon längst, bevor du sie kanntest, — — —.“ Ich entsinne mich, eines Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um. Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und wir wollen beide recht herrlich untergehn! Ich höre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie ist sehr süß. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich bin ein
großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, dem Leben abgewandt.
Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre ab. Ich horche gespannt. Jedes Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten kommt sie mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein „rotes“ Haus.
Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu küssen. Man sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine Hitze. Es ist ein großer wütender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts, verschnupft, schnapsdurchdrängt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild, unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgültig.
Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, Schlingel, Lümmelchen, Toppsau, Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau.
Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob sie um Einlaß bitte. Als bettelte sie. „Ich bin sehr müde, Hans, gute Nacht!“ Sie händigt mir ein großes Goldstück aus. „Also für fünf Mark . . .“ Und auf dem Tisch stehen viele Blumen . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka wimmert laut.
Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg. Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie so fern gelegen. Ich „geißle“ mich. „Arbeiten!“ Am Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille,
kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, der jenem Blumenverkäufer sehr ähnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Straße erblickte. Er schließt sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige mich.
Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zählen beide unseren Verdienst. Wir müssen lachen. Wir umarmen uns nach langem wieder, küssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden es ängstlich wieder, uns gegenseitig zu berühren.
Es ist verworren, ölig und dumpf. Wie lang wir die Sonne nicht gesehen haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus. Wir sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht eine Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir einen Tritt in den Bauch, daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel, Teller gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns auf offener Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh und kühl. Sehr mechanisch. Wie Fuhrknechte auf Pferde einhauen. Nur um uns gegenseitig etwas zu erleichtern. Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein böses Raubtier. Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie beißt sich in meiner Oberlippe fest, die blutig herunterhängt. Menschen sammeln sich an, halb sich belustigend,