halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen, zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille, langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen zählt immer sehr, sehr dünn: „Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!“

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße.

. . . „Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist“ Und: „Warum liebe ich sie . . .“ aber ich kann mir darüber nicht klar werden. Alles ist verworren, ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine schwammige Masse, gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken. Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fällt mich. Ich bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich muß ihr die Bluse zumachen, die Stiefel zuknöpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand zuckt oft nach der Tasche . . . Sie sagt nur „Pferd“ und streichelt mich und ich bin wehrlos. Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen, Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist vergraben . . . „Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, ich werde glänzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag früh ausreiten, spazieren fahren, du kannst immer im Café sitzen . . . Du kannst essen, trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter Lucki!“ . . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler,

kost ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: „Buberl! Buberl!“

„Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist!“ Doch diese Worte, immer und immer wieder mich quälend, bedrängend, und ausgesprochen von einem von oben herab, sehr blond und in einem langen schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat unausführbar. Es brennt.

Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, Flechten, Narben, Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund. Unsere Körper sind Blutäcker. Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht. Man scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod, Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, während meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und herwälzt mit erhobenen Händen gegen die Wände an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. „Gib mir etwas Wasser, Hans“ . . . bittet sie, sehr dünn . . . „Halt dein Maul, Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.“ Und aufbrausend: „Verreck, du!“ . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder, schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. „Hans, mir ist, als sei eben etwas zwischen uns getreten!“ Und mit erhobenen Händen, grell: „Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut!“ . . .

„So soll alles umsonst gewesen sein?“

Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert.

Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. Ein feuriger Hund läuft über den Himmel. Es bellt.

Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir Obacht auf die Polizei geben, die uns seit einigen Tagen schon gründlich auf der Spur ist. „Wenn man mich erwischt,“ meint meine Frau, „werde ich eingeliefert.“ Und: „ich habe schon einmal zwei Monate gesessen.“ Und: „ich habe auch keine Lust mehr ins Krankenhaus.“ Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das Vorzimmer, in dem die Kranken warten mußten, war dicht gefüllt. Sie kamen aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die Augen fiebrig glänzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden Garten hinaus, die Hände geballt, der prächtig untergehenden Sonne nach.