In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mädchen noch, voll blühender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die kaumgeöffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar, die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saßen, alle den brechenden Blick flehend emporgewandt.
Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid es ihr tue, aber gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend nach uns erkundigt hätten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe überall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . .
Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, mit großen Füßen, dürftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander auf einer Bank und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen zu sehen, doch scheint ihn das irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst übernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, überglücklich aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt die weiche Decke ganz über uns. Sie ruht, das Gesicht käsig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer weit in die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, mit kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da sie friert, lege ich mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es, als ertöne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir schweben.
Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges
Tuch. Elly schläft noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich bemerke, wie ihr Körper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht. Ich gehe weg . . .
Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . . „Wo habe ich heut geschlafen . . .?“ Und ich jage durch Wüsten: Straßen, Straßen, Straßen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte, Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof mit plumpem Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, Brücken; und ich gelange endlich in einen Wald und über Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. „Wo habe ich heut geschlafen . . .“ Ich bin zerschmettert. Und ich weiß mich, sehe ich mich nur einem Weib gegenüber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich habe meiner kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen, sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu mir, war ich unfolgsam „Du bringst mich noch ins Grab.“ Und mein Vater sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme eben am „roten“ Haus vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht, und ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand, und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr entfernt. Schlief ich nicht bei Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die Türen werden langsam zugemacht.
Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie läßt die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knüpft ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um.
Wenn sie sich einen anderen anschaffte.
Ich wüte. Ich erwürgte sie.
Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für mich, für mich auf den „Talon“? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer, taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte. Eine Tür klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, am ganzen Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer empor. Es wird Licht. Eine Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse! Sie hebt mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer Brust, streichelt meine Wangen: „Buberl! Buberl!“ Dann: „Pferd!“ Sie ist zärtlich, als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, jahrelang von ihr entfernt.