Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es ist unmöglich. Und: „Ich muß ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe ich nicht meine

Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan“ . . . Und ich komme so nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was soll ich auch fliehen? Es erscheint mir kindisch.

Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind fort. In den Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre wüste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete, klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er sich. Das Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenüber. Ich höre die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestärkt, in den erwachten Tag hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den Händen durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die Dorka erwürgt! Ich fühle die Last ihres Körpers in meinen Armen; ich lege sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel und Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich groß an. „Josef, ich habe meine

Frau erwürgt, ich habe meine Frau umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht . . . leb wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb wohl . . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich umgebracht . . .“ und brüllend: „alle Menschen habe ich umgebracht . . . leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch dich noch . . .“

Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang herab, ich küsse ihn, ich bin so glücklich: „ich habe meine Frau erwürgt.“ Und ich fühle mich seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: „Ob Dorka das wert war, mußt ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich werde überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . .“ Auf seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: „Andreas Söraas, stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62, III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt . . .“

Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, nach Haus zurück. Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tür nach der anderen wird langsam zugemacht. Das Haustor steht weit offen. Meine Frau singt, sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, sie streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: „Du solltest klug genug sein, um das verstehen zu können. Es waren Schlager . . .“ Und ich: „Ja! Ja!!“ Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein warmes Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld.

Wir sprechen uns über den gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich muß an mich halten, nichts verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich. Wenn sie wüßte. Sie sagt: „Hans, liebe mich.“ Sie ist sehr erregt. „Du meinst wohl, ich solle dich . . .?“ Sie, aber sehr traurig: „Hans, du bist so roh, bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, du solltest zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne sein, ich bin dein ‚Franzosenweibchen‘, du mußt dein kleines Frauchen schonen.“ Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es sehr albern vor. Und ich sage nur: „Du hast ne feine Fresse!“ . . .

Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Straße schwimmt im Licht. Wir sind hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten.

Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig. Übermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist! Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau groß ins Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: „Weib . . .“ Ich nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich stöhne: „Ach Dorka, du hast ja das ganze

Bett . . .“ Sie dreht nur den Kopf: „Ach, Hans, du lügst . . .“ Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: „Ach Hans, mein Hans, mach mich tot!“ Und ich denke bei mir: soll das heißen . . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut! Sie ist ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht ist ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die Lippen weiß. Sie bedeutet durch eine schwache Handbewegung, daß ich den Papierofenschirm ans Bett heranrücken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, und am ganzen Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. Ich bin gar nicht angeekelt. Sie phantasiert. Sie spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar und eindringlich: „Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste . . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber! . . .“ Und sie nennt einen Namen: „Isaak“. Ich weiß, das ist der erste Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: „Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast du mein Buberl“ . . . Dann schreiend: „Andre! Andre!“ Und mit ihren Händen wild in meine Haare: „Isaak! Isaak!“ Und mich inbrünstig küssend: „Liebster!“ Und weiter: „Das andere waren ja — ach! — nur schlechte Gäste . . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe tüchtig geklaut für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart für