dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich bin! . . . auf dich . . . Ich bin krank geworden für dich . . . Das ich so verkommen bin . . . Das Leben ist beschissen . . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege gehen über das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen . . .“

Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren und zart umfassen will, furchtbar, entsetzlich, drohend: „Laß mich! Du laß mich! Du fremder Mann . . .“ Die Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen. Um ihre Gunst bemühen sich alle . . .

Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfältig, den geliebten Namen: „Isaak! Isaak! . . .“

Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt. Ich sinke in einen Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und bleich, kommt mir entgegen, sanft: „mein großer Junge!“ Wie ähnlich sie Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie mir. Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. Und schmerzlich: „O Dorka, daß ich dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf der einsamen Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen Büchern,

im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka! . . .“

Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt ist. „Friert dich nicht, Dorka.“ Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hülle sie in die Decke ein, daß sie ja nicht friert. „Kann ich sie nicht erwärmen?“ Und ich denke an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Türen zu.

Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der über dem Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wöber ins Geschäft gehn und ihr mitteilen, daß Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig überdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre niedergeschossen hatte und später, als ich fest daran glaubte, meine Frau erwürgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich an Dorkas Seite entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wände weiten sich, die Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen, Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden

Gloriole umgeben . . . „Madonna Madonna!“ und mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . .

Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im Halbschlummer, den jene himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer. Ich träume weiter.

Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strömt daraus; himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, öffnen sich. Den Dahinschreitenden umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft glühender Rosenbeete erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege, rosenbestreut, leiten empor, stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige Glut schwüler Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten sie in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht von rauschenden Zweigen, reich behangen und überschwellend von vielgearteten Früchten, kugelrunden, spitzgestalteten und eierförmigen, zieht sich herab auf eine weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt, friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, die glühenden Köpfe stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße Elefanten, die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, langgeschweifte Goldfüchse und graue Hunde, gelbe,