buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die beiden steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und meine besten Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwänzen, ein Zeichen freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen singender Fische ziehen hoch über uns durch die weiße Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert, durchschneidet mit scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück — wie auch mir, der ich ununterbrochen jauchze oder überselig schweige — unfaßlich und märchenhaft, so hell, so inbrünstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft nieder, honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt in allen Farben. Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, blau aufflammende Burgen, verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hängende Wundergärten steigen zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, in alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll, gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und mir ist, als verstünde ich nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverständlich und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. „Wie glücklich bin ich,“ brüllt Hai, „wie wohl ich mich fühle,“ entgegnet, freundlich brummend, der Kamerad. „Meinen Gruß! Meinen Gruß!“ zwitschert hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegten

Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! „Wo habt ihr das große Kind hergebracht?“ Und: „Es geht wohl zum Silbersee?“ erkundigte sich eiligen Laufs die flüchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor glänzen, doch deren Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf einer Anhöhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, auf einem smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schönes Mädchen und flicht mit spitzen Händen die goldenen Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold überquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender Sehnsucht die weißen dünnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle Brust pressend, streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. —

„Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .“ Ich erwache. Alles ist spinnig. Man ruft. Man klopft an die Tür. Und ich, laut und fest: „Gleich, Frau Naßl . . .“ Ich erhebe mich. Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die Augen zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen hinunter, unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Straße. Es ist sehr kühl. Es regnet . . . „Dort oben ist die Höhle, in der wir gehaust haben . . .“ Und es ist

ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße ist eine „Aschen“—Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . Mir kommt es vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. Ein Auto, vorübersausend, halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen, frage ich nach Dorka. Die Dorka —: „eine Dame hellen gewürfelten Rocks, roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!“ Man schüttelt die Köpfe. „Was stehe ich im Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen: in den Fluß, durch den See — (und bei See denke ich immer an Dorkas starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch eingetroffen!) — durch den See, wieder durch den großen Fluß zum stillen Meer.“ Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt in den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das Wasser als Dunst auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fällt wieder, dem Gesetz ewigen Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben. „Soll ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden, daß die Nase hinschwindet, das Kinn.“ Ich trete von einem Bein auf das andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes Kinderlied fällt mir ein. Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon Leute bemerkt haben!

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße, in seinen großen schwarzen Regenmantel gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und plötzlich gewahre ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. „Herr

Lehrer, ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, auch das hab ich . . . Ich träume immer von weißen Windeln, Wolkenfetzen und schwermütigen Molken . . . das alles auf blauem Grund . . .“ Und er: „Gut, daß du wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist sehr gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt ihn . . .“ Und haut mir eine mit dem Stock über . . .

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße . . . Es ist aber mein Vater: „Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich dich wirklich ins Grab gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng . . . Bitte . . .“ Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken, denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen wie rote Fäden auf dem Fußboden, es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die Wände rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren süßlichen Blutgeruch.

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft erfüllte Landschaft einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den ununterbrochen große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln lautschreiend ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu rechtfertigen: „Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du . . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . . Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige Kusine . . . du weißt es . . . Habe ich nicht auch

Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .“ Das aber brülle ich Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: „Nimm alle Schuld von mir . . .“

Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott, wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich unbedingt versichern, daß ich noch auf festen Füßen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das andere. So stampfe ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt nach Luft. Ich versinke. Ich stöhne: „Luft Luft!“ Mir schwindelt. Ich werfe die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber ich bin wie an Armen und Beinen gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich plötzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß ich den rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe, muß wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt an den Dächern. „Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man weiß das ja nie so genau.“ Mein Kopf schlägt knallend auf das Pflaster. Ich zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hände gekreuzt, die Arme gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei ein Meer über mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen. Josef kommt auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt, sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. „Guten Morgen, Hans, ich suche dich schon lang, du stehst