scheinbar schon lang hier. Du bist ganz durchnäßt!“ Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und ich: „Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein, also führen Sie mich zu Gott.“ Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu Gott. Und er kurz: „In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.“
Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz eingeschüchtert. „Ich fahre zu Gott.“ Josef schaut mich fest an. Ich presse mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir plötzlich wieder alles bewußt. „Das ist kein Engel.“ Und aufkreischend: „Josef! Josef!“. So muß doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse bleibt wahr. Und ausbrechend: „Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten Meeren ganz verschwemmt, krank und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot du bist.“ Und aufgelöst, in Tränen: „Überall ist dein Name im Flattern grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen Straßenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militärmusik, glitzernde Abendpromenade und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles
bedeckst du. Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einförmigen Mauern der Kasernen, über den blitzenden Kuppen der Paläste stehst du, hinter den fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen, Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib.“
Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: „Sie hat Andre geliebt, sie hat Düsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat sie geliebt, sie hat alle geliebt.“
Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir, „ich fahre doch zu Gott“. Und: „Ich war ein Büßer“. Ich fühle mich ganz voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschähe es! Etwas reißt in mir, und es ist so schmerzlich, daß es nicht zerreißt. Das tut furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind: „Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.“ Und sie schlägt immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in meinem Blut.
Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache, denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz, der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich aufgelöst
stammle ich: „Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!“ und ich erinnere mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt.
Und ausbrechend: „Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg. Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen zerwühlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch der Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?! Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust ein Panzer, der Körper gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes, ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester. Ich werde sechsfacher Träger euerer Nobelpreise sein. Sätze werde ich bauen, unendlich kompliziert, rasend gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im brausenden Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. (O Scigo: Primas: Tönemäher!) —: euch alle berauschend. Ich werde glänzende politische Reden halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan, das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide Verträge abschließen, Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich entdecken, den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit alter Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, werden zu Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstämme, Fieber, tuberkulöse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde ich bekämpfen,
bezwingen. Die große physische Abstinenz werde ich euch lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten Geschlechts.“
Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln vorbei, auf denen Windmühlen stehn, deren Flügel sich rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt. Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen plätschert in einem Weiher, der leicht vom Wind bewegt ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dünn, erhebt sich, schwillt an zu einem klaren Gesang.