Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, in einer visionären Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung gesprochen. Doch wer vernähme meine Rede auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche es. Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! Stammle entzückt und voll Wonnen! Also, zum Anfang!
Ich beginne! Und lauschten mir auch nur die flüsternden Nachtwinde, die rauschenden Bäume und das vom Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und hörten mich auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die harten Steine auf mein trauriges Lied! —
Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint in tiefe, graue Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle mich leicht wie Äther, frei und wahrhaft glücklich erhoben. Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von sonst nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene Feuer lohen empor und umlichten furchtbar meine eisige Grabesnacht. Scheiterhaufen warten aufgerichtet. Hellebarden, Dolche blitzen. Trommelwirbel. Rote Lichter vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue Liebesnacht. Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der zerschundenen Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor aus dunklen Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene Menschenleiber. Beben, Zittern, Schluchzen, Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen in fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere kreischen. Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden auf Wilde. Wüsteneien. Die Pest erhebt ihr durchlöchertes Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam über alle Maßen,
beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich. Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder. Weiße blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber in unsagbar süßen Verschlingungen und eine große, rasende Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen Grabnächten und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe über die schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich darunter erregen und erbrausen, und die Gewässer der Erde wie Tautropfen am Saume jenes himmlischen Gewandes haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem Blut und rotem Wein. Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt mir unsichtbar. Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich einsam auf der stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. Aufgelöst in Tränen kniee ich zu Gottes Füßen, spüre den Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen Hand, fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade, gräulich und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche Gletscherflächen tauchen langsam und leis, unter einem süßlich klingenden, leicht und allmählich anschwillenden Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten der roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde ich in mir. In mir, dem äußersten, leidenden Glied eines reichen, verderbten Geschlechts. Und doch im Blut die wehe Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie. Bin jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. Jungfrau, Dirne, Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle mich von großen, langewundenen Würmern weh zerfressen: Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig.
Welk oder trocken ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen Augen voll Eiter; Nester kleinen stinkenden Gewürms. Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün. Ein berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe, Verwesungsduft und der helle Geruch weißen Äthers oder gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo! Ecce homo! . . .
Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten kläglichen, schmutzigen Kindergewimmels. Auf engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen Holztreppen, verdreckten Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die Mietskasernen. Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber das Lied des umherziehenden Orgelmanns tat zum ersten Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen schüchterner, aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. Blühende Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. Das Kindlein in der Krippen . . . Einst, o einst: zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das unaufhörliche Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller. Die Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten Vaters. Streit der Geschwister. Unzufriedenheit, Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und Geschluchze aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, Kälte. Finstere, verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke und Wanderungen. O, da meine Sehnsucht übergroß ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig
mein Verlangen ging. Mich mein Sehnen zog. Das Herz schlug.
Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es pfeift. Stimmen. Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend. Mit offenen, trockenen Mäulern. Einer hat Schnaps. Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner weiß. Man fährt in die Nacht. O, daß man einer Heimat entgegenführe! . . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten und mancherlei eigenartige Überraschungen. Er hat milchige, kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch der glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene Klarheit frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum . . .
Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln oder auf freiem Feld, oder lagert gleich einer räudigen und übelriechenden Herde Viehs in wüsten Gassenschenken.
Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge Schlafraum ist voll von dem Geruch der nassen Windeln, dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten, erfüllt von dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins, kleiner Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! Strecke dich nicht! Nichts! Denn bei einer Berührung greifst du an Schöße, stinkende, nasse, verschleimte, verkrebste Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche, kleine Bäuche, steinhart und mit dem Fraß roher Kartoffeln furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein Napf voll Urin und Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut! Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. Stunde, du kommst, die mich zerbricht. Die mich zermartert. Du