zertrümmerst mich. O, so viel Blut drückt schwer. So viel Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die Welt in Aufregung.
Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus frühen Kampftagen. Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. Geträumte Länder, warme Länder, Sonnenländer! O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen von den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und den flatternden Kolonnen der singenden Fische! Apokalyptische Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett umhaucht von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer Monde, jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten. Riesenschlangen, träg und schwer auf den Ästen der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten. Blumen, eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend mit blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder, warme Länder, Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied! Denn aus den großen, kalten, nordischen Städten komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. So hört mein Freiheitlied:
„Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! Onanisten! Päderasten! Fetischisten! Kaufleute, Bürger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr großen Metzen! Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht! Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten Anarchie. Zum bösesten Widerstreit begeistere, reize ich euch. Revolution! Revolutionäre! Anarchisten! Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone!
Mein sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! Ich führe euch. Vorwärts. Marsch! Marsch! Den gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der Pfeife, das flatternde Blut der roten Fahne, die violette Farbe unregelmäßiger, gefährlicher, schwärmender oder konzentrierter, tödlicher Bewegungen —: fühle ich in meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! Granaten zerplatzt! Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt! Infernalisches Geschmetter! Vorwärts, wir kommen. Dieser stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne entgegenschießt, ist unser Bote, diese Granate, die hell durch die Luft pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren Schildern, auf unseren Helmspitzen leuchtet auf, steil und flammend, der Triumph der neuen Zeit. Das silberne, zart aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie. Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf aus grauen, nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel. Voll Türmen und Zinnen. Und Gold! Und Gold! . . .“
Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische habe ich von mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten Hallen getreten. Die kühl sind und vom Glanze mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume inmitten kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen nicht im zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder auch in den drohenden Brandstürmen aufgepeitschten, dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter bist der ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume,
wie im verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen Flur, oder im heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die schwere Nacht angeht. Aber in allen Räuschen des Blutes fand ich mich dir am nächsten. Oder im verschrillenden Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder dumpfem Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden Todes. Die verpestete Luft erfüllt vom dumpfen Gedröhn ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen Aufstrom schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden, vom weißen Schweigen der Gefallenen in den verfeuchteten Laufgräben, vom Siegesgeschrei, dem rauhen Gebrüll der Lebendigen . . .
Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr Begreifbares. Etwas nur mehr sich durch einen kleinen, gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes. Als ob wer die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit, Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit sind. Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten Träger einer trüben Tradition sind. Wir, die wir die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag findet unsern Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den samtenen Fittichen einer trunkenen Traurigkeit werden die Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt dem Bann der dunklen Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den himmlischen Gärten hin entführt, wo die leuchtenden Sternkugeln überherrlich entzündet sind.
Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die Irrfahrt. Das Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand.
O, alles zerbarst, alles zerkrachte. Wie wütend die Wellen schlugen. Alles über Bord — O, splittert Planken! Noch einmal, o, noch einmal und — letzter Kampf! O: alles dann aus und Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht über mich. Alles verweht mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? Komm Untergang!
O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten Nonnenleichnamen die Morgensonne aufgehn sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den Weltenraum hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des Kreuzes, daß es purpurn flattert. O, wir tragen unsere reinsten Wünsche nach dem Untergang. Wir erarbeiten ihn. Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher Unterschied. Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. In einem Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur große Schauspiele befreien euch den Geist. Daß ihr erlöst werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut auf! Rhythmitisiert euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu! Brecht auf! O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens! O: und aus den überwehten Grüften der Entschlafenen in die ewige, zeitlose Helle steigend! . . .