(. . . Er aber kroch immer mehr in sie . . .)

Als er sie zum erstenmal erblickte — das war mitten am hitzigen Tag auf der Friedrichstraße . . . doch er erhaschte flüchtigen Blicks nur ein helles Rauschkleid —, da schlugen weiße Blütenwälder auf, bedeckten ihn.

Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen: „Oha!“

Er aber sann: „. . . und so wirken sie aufs Ganze auch im geringsten. In jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflächen bedecken Kontinente, und glühen ihre Augenmulden, jubeln getröstet alle Armen auf. Doch heulet trunken ihr Mund, endloser Trichter, zerreißen Schallwellen Damm, Gebäude. Deren Tränen rühren schmerzlich unerkannte Himmel, deren Lächeln aber streichet, Kühlwind, lindernd über erstarrte Falten auf verhärmten Kindgesichtern, in allerfernsten Träumen. Doch nur Fäuste erhoben —: und ihr seid Zeuger geworden tumultuöser Gewitter . . .“

Das zweitemal traf er sie — acht Tage hernach — am Abend des Kaiserjubiläums. Fahnen brausten hoch über dem Platzgewimmel. Plötzlich explodierte alles. Militärmusik, Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der immer schrie „Hoch! Hoch!“ . . . und der K. Akademieprofessor Crispin Adolf Ritter von Beermann, erhöht, auf birkenlaubumwundenem Podium, der reckte beschwörend — goldblond — Hand und Zylinder, doch Maximilian Stössinger, Dirigent der vereinigten Militärkapellen, dick auf dickem Tanzschimmel den Taktstock . . . und hinter dem mittleren Fenster ersten Stocks (samtroter Teppich fiel über, streckte sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus . . .) ward sehr

deutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste und sank.

Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen über dem Platzgewimmel, im Flackerschein entsteigender Pechflammen, im Gedröhn der musikalischen Explosionen, den Kopf nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war sehr groß, überragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie trug auch einen Hut mit einer großen, sehr grünen Pleureuse, die wippte unausgesetzt und zuckte immer sehr nervös, wenn der eine „Hoch! Hoch!“ schrie. Das brachte die Lüfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten.

Er dachte an die Wäsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen, die weiße, bogenförmig ausgeschnittene Wand, die einst auf grüner Wiese steckte. Der Wind bauschte sie. Es knallte. Und weiter: „Wie schön, sich in der Hängematte wiegen, schwingen! . . . Die Schaukel . . .“

Da krümmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern im Garten einer Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden, der sich im Rausch mit dem Hirschfänger den Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus dem Sinn. Dann aber überkamen ihn wieder geräuschvolle Riesenbrände und Revolutionen. Es rauschte kühl, wehte grün. Doch als die Menschenmasse polternd und heulend die Straßenschächte hinabrann, versank auch sie, gefolgt von einem glitzernden Sternlein, das klirrend — ihr nach! — unterging.

Hans Marterer ward in die Vorstädte verschwemmt. Trieb bald allein dahin. Doch stieß immer rechts irgendwie an gräulichen Ufern an. Sträucher streiften ihn weich. Winter