Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. Oder sehr verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns.

„Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das wird einem am Ende auch fad. Laß mich in Ruh!“

Es muß etwas geschehen. Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes. Man benötigt Sensationen.“

Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, Russen. Wir sprechen fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fünf Worte können. Wir halten die deutschen Bürger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang. Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es immer an Geld.

Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer müder und gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie ist satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hände. Ich verzweifle.

Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er für die Schulden

der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden internationalen Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen, fünfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schönste verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt, eintausendundfünfhundert Mark für Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt er, auf mein Anraten — ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will, völlig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz — eintausend Mark bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr beginnt man. Der Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem Glas Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, genießt der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka, rasch, klirrend, Madame, schläfrig, leicht nippend; die „Kapelle“ vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, schlecht amüsiert. Und während man draußen durch den erwachten Morgen eilt: schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander gewürfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit kleinen roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile, verträumte Lastfuhrwerke, böse Radler . . . (und Busenmädchen flattern freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . während man hereindringt, einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure, grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau Marie Wöbers Kinder die Suppe klirrend auslöffeln,

stricken —: tanzt man: der Moritz Düsterweg und die Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild fliegen, die sich plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, wild vorwärts drängt, stampft, aufbraust, hingebend sich zurückbeugt, schiebt: die böse Dorka! Doch der sich so ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg: er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwärts, zurück . . . noch einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mühe . . . gerade noch —: und Düsterweg -: er sinkt um.

Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, als gelte es einem verschüchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich berührt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig prustend und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: „der Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden . . .“; die „Kapelle“, zurückgebeugt, traurig, verhalten über das Klavier hinplätschernd . . .

Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Schoß gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht . . .