Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer Kirche. Dorka schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, meine Tränen zurückzuhalten. Eine Liebestragödie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt. Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige, schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir sind tief erschüttert. Es ist, als gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir.
Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die Nacht beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es hell, wie es nur am lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann.
Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich jede Nacht, sie muß sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafür muß sie ihnen schön tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spät in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, führt unter allgemeinem Beifall unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht unnatürlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, nach allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel.
Sie ist ein Karussell. Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir die Faust.
Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem nächsten Verehrerkreis. Sie sind sehr für sie interessiert. Der eine, Andreas Söraas mit Namen, liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet, indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast täglich zum Abendbrod einlädt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich, herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke. Ich kann das nicht.
Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf meine Frau. Versteckt, im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.
„Bei der ist heute nichts zu wollen,“ flüstert einer, etwas beklommen, im Vorübergehn, „ihr Zuhälter wartet auf sie.“
Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich das.
Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend über die Treppe heraufkommt. Höre sie schon, schwer das Haustor aufschließend, sich verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Geräusch der Türschlüssel, das Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet
sich rasch, umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt.