[pg 62] Das Elend der Vorstädte. Lange, endlos lange Straßen mit schnurgeraden, öden Fassaden, wie Mauern glatt und grau. Unzählige Fensterlöcher, viele rot die ganze Nacht hindurch. Wie viel Jammer, Verzweiflung, Elend, Müdigkeit, Erniedrigung dahinter! Wie viel Zukunft! Rächende Zukunft, großgezogen in Träumen und Hoffnungen, bis der Tag kommen wird, an dem aus unsäglichen Greueln eine neue Welt sich erhebt. Eine neue Welt!…
Immer sicherer gestaltet sie sich heraus aus unseren Wünschen, aus unseren Visionen, aus unseren unabweislichen Bedürfnissen.
Und wir? Wir sind die Verkündiger und Hindeuter. Das ist unser unausweichbares Schicksal! Verkündiger und Hindeuter, wenn wir den Todeskampf absterbender Generationen in uns erleben; deren Schuld ihre Schwäche ist, ihre Müdigkeit, ihre tausend Raffinements; Verkündiger und Hindeuter, wenn es in uns lebendig wird von Ahnungen der Zukunft …
Müde, leidend, hoffend, ahnend und besitzend arbeiten wir alle an der Zukunft und – sind Zukunft …
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Du schöne, freudige Welt der Zukunft! Daß ich an dir nicht zu verzweifeln brauche! Daß meine Seele kräftig und gesund ist, dich zu hoffen, dich zu ahnen, durch die Greuel hindurch, aus denen du erstehen wirst!
Du schöne, freudige Welt! Ein neues, adliges und selbstsicheres Geschlecht, das sich verwandt fühlt über die Erde hin, soweit Menschen leben! Das keine Kaste, kein Rassenhaß, keine Religion trennt! Das Taten, Erkenntnisse, [pg 63] Empfindungen kennt, nie geahnt!… Und dann?… Und dann?… Wieder neue Taten, Erkenntnisse, Empfindungen?… Und so fort bis zu unerforschlichen Vollendungen?…
Sterben und Werden! Ewig! – Das ist alles! – Mehr ergründet kein Verstand. Doch unser Empfinden durchbebt es mit wunderbaren Schauern vor den unergründlichen Mächten …
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Ich liege und liege und kann keinen Schlaf finden und mag keinen finden. Eine Stunde nach der anderen geht vorbei, vorbei.