Vor allem nun aber hüte man sich darauf auszugehen, den Religionsunterricht in den Schulen durch den exaktnaturwissenschaftlichen zu ersetzen! Und zwar deshalb, weil die exakten Naturwissenschaften grade in ihrer gegenwärtigen Verfassung nichts weniger als zu einem solchen Ersatz geeignet sind! Denn die exakten Naturwissenschaften stehen selbst in einer nur zu brennenden Krisis! – Was aber die monistische Religionsbewegung anbetrifft, die neuerdings eine so bedeutende Ausbreitung gewonnen hat, so ist sie zwar sicher eine sozietäre Erscheinung von großer Wichtigkeit, andererseits darf man sich aber nicht verhehlen, daß sie in ihren tragenden Prinzipien vorderhand noch sehr schwankt. Und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil sie allzu einseitigen Anschluß an die exakte Naturwissenschaft nimmt und diese noch lange nicht in der Lage ist wahr zu machen, was sie verspricht: nämlich die Heilsüberzeugungen des religiösen Glaubens durch endgültig ausgemachte wirkliche Tatsächlichkeiten zu ersetzen.


Das beruht aber, wie ich schon bei anderer Gelegenheit (in meinem erkenntnistheoretischen Buch »Das absolute Individuum und die Vollendung der Religion«, Oesterheld & Co., Berlin W.) nachgewiesen habe, auf einer unvermeidlich zwiespältigen Eigenschaft der exakten Wissenschaften!

Einerseits nämlich ist die exakte Wissenschaft, wie früher die Theologie und Philosophie, eine religiöse und erkenntnistheoretische Funktion; ist sie doch ihrem Ursprung nach nichts anderes als eine Abzweigung und besondere Ausgestaltung vorzeitlich religiösen, priesterlichen Nachdenkens über die göttlichen Dinge. Noch eigentlicher ist die exakte Wissenschaft indessen in Anbetracht ihrer analytisch-experimentativen Methode und außerdem ihres engen Zusammenhanges mit aller praktischen Technik eine technisch praktische Funktion. Nicht umsonst hat die exakte Wissenschaft heute gerade als solche so unerhörte, ihre größten, verdientesten, bewunderungswürdigsten Triumphe errungen!

Es kann nun aber schlechterdings nicht anders sein, als daß dieser vorwiegend analytische und praktisch technische Charakter der exakten Wissenschaft ihre erkenntnistheoretische Eigenschaft und die Werte und Wertungen, die sie nach dieser Richtung errungen hat, beständig beeinträchtigt. Denn er hinderte die exakte Wissenschaft ein für allemal, eine so vollkommen synthetische Funktion zu sein, wie das hier gänzlich unerläßlich ist!

Außerdem aber hat sich die exakte Wissenschaft, insoweit sie erkenntnistheoretische Funktion ist oder erkenntnistheoretische und religiöse Folgerungen ziehen will, einen recht bedenklichen und verhängnisvollen Fehler zu schulden kommen lassen! Sie hat nämlich gemeint, daß der religiösen Konfession überhaupt erst eine empirisch sichere Prämisse gewonnen werden müsse und daß der bisherigen religiösen Prämisse – will sagen: der Prämisse aller Religionen und der Religion – eine solche Sicherheit nicht eigne.

Indessen es ist nun unschwer einzusehen, daß der bisherigen religiösen Prämisse sogar die denkbar sicherste, nämlich eine geradezu axiomatische, identische Sicherheit, also geradezu die größte Selbstverständlichkeit eignet! –


Ich sprach eben von einer Prämisse, die allen Religionen und also der Religion als solcher eigne; mit anderen Worten: daß alle Religionen auf einer und derselben Prämisse und Grundtatsache sich aufbauen. Das scheint eine Behauptung, die sicherlich dem entschiedensten Widerspruch der heutigen monistischen Gemeinschaften begegnen wird; vertreten diese doch den Standpunkt, daß die Religionen von ihrem ersten Anfang an bis heute sehr verschiedenartig, wenn nicht gar die eine der anderen völlig entgegengesetzt seien.