Doch kann man sich leicht überzeugen, daß diese Annahme, obgleich sie behauptet, sich auf exaktwissenschaftliche Ausmachungen zu stützen, eine irrtümliche ist und höchstens in dem Sinne zutrifft, daß die einzelnen religiösen Bekenntnisse ihrer formalen Ausgestaltung nach sich voneinander unterscheiden, und durch sonstige Modifikationen, die mit der Rasseeigenschaft und den Lebensbedingungen der einzelnen Völker in Zusammenhang stehen. In Wahrheit aber können wir gar wohl einen ganz bestimmten und unveräußerlichen Grundinhalt und eine solche Prämisse aller Religionen und also der Religion feststellen, in dem, in der sich die urvorzeitliche Religion des Urmenschen durchaus mit der vorgeschrittensten aller Religionsformen, der christlichen, wurzeleins, ja geradzu identisch erweist!
Die Religion des Urmenschen war ein Toten- und Ahnenkult. Er bewahrte, verehrte, beschwor noch lediglich das Gedächtnis eines Urpaares und seiner Familie und Sippe, an welchen Kult sich alsdann der Kult aller anderen Toten angliedern mochte. Der Mensch, will sagen: ein bestimmtes menschliches Paar und eine sich ihm angliedernde Elite waren noch rein als solche Gegenstand eines primitivsten religiösen Kultes. Noch verehrte man keine Personifikationen der Naturmächte und Götter.
Doch mußte sich dieser letztere, vorgerücktere Kult bald mit Notwendigkeit aus dem Ahnen- und Totenkult ergeben. Je mehr nämlich die Bewußtheitlichkeit des Urmenschen zu einer eigentlicheren Intellektualität erwachte, um so mehr gewahrte der Urmensch den innigsten Zusammenhang, in dem er mit aller ihm umgebenden Natur stand; und zugleich gewahrte er den innigsten Zusammenhang jenes ersten Ahnenpaares und seiner Elite, deren Gedächtnis und Kult von der Tradition ein für allemal bewahrt und weitergetragen wurde, mit den Mächten und Elementen der Natur, aus denen sie bei Lebzeiten bestanden hatten und in die sie im Tode übergegangen waren.
Diese Wahrnehmung nun aber erst einmal gewonnen, mußte sich mit jeder Notwendigkeit die weitere Ausgestaltung des Toten- und Ahnenkultes des Urpaares und seiner Elite zu einem Kult von Himmelsgöttern vollziehen!
Wenn man heute aber diesem Götterkult der Vorzeit gegenüber von einem allzu naiven, der »Wirklichkeit« gar nicht entsprechenden Anthropomorphismus spricht, so ist das eigentlich nichts weniger als recht aufmerksam und wissenschaftlich! Denn da der Mensch, wie ja gerade die exakte Wissenschaft selbst ermittelt hat, die höchste Stufe der organischen Entwicklung bedeutet, und er andererseits nicht nur aus den anorganischen Elementen – und doch sicherlich schließlich aus schlechterdings allem Umfang derselben hervor geworden ist, sondern diese auch in seiner Physis einbeschließt und zur Aufrechterhaltung seiner Lebensfunktion ihrer als Nahrung und Erneuerung von außen her beständig bedarf, so ist ja doch nichts notwendiger, wahrer, exakter, ja selbstverständlicher als die Auffassung der Urmenschen, die die Umwandlung des Ahnen- und Totenkultes in den Kult der Naturmächte und Himmelsgötter vollzog, und ihr »Anthropomorphismus«! –
Die Naturmächte und Elemente sind tatsächlich menschlich und Mensch, sind das Individuum Mensch; und ihre chemische Zweipolarität stimmt diesem ihrem Charakter nach vollständig mit der organischen Zweiseitigkeit des Individuum Mensch (Mann und Weib) überein! Daß der Urmensch nun aber in gewissen grundtypischen Eigenschaften der elementaren Erscheinungen und Kräfte entsprechende Eigenschaften und Temperamente der menschlichen Seele wiederfand und wiedererkannte, ist sicherlich nicht weniger exakt! Denn kalt und heiß, hart, weich, sauer, süß, bitter, scharf, stumpf, heftig, sanft u. s. f. sind die Elemente durchaus in Übereinstimmung mit der Eigenschaftlichkeit menschlichen, bewußtheitlich lebendigen Temperamentes.
Wenn also Urpaar und seine Elite nach ihrem Abscheiden als persönliche und unterschiedliche Götter und Naturmächte weiterbestanden und in allen Umfang menschlicher Sozietät hineinwirkten, über dem Menschen »walteten«, andrerseits aber von ihm bestimmt wurden, so entspricht das vollständig dem empirisch exakt ausmachbaren wirklichen Tatsachenbestand und kann von der exakten Wissenschaft nicht aufgehoben, sondern lediglich bestätigt werden!
Wie also kann man anders als in eigentlich recht unaufmerksamer Weise den Anthropomorphismus des Urmenschen und des Menschen der historischen Antike als einen allzu naiven und exaktem »Wirklichkeitsbefund« widersprechenden bezeichnen?
Ja, der Urmensch, bezw. der Mensch der historischen Antike hatte sogar auch mit seinem Tierkult recht! Denn die Götter, das Ahnenpaar und seine Elite, waren ja, bevor sie Menschen wurden, Tiere gewesen. Wahrlich, tiefwundersam muß uns nicht nur die von allem Uranfang an festgehaltene und bis auf den heutigen Tag weitergeführte Tradition eines menschlichen Ahnenpaares und seiner Elite und eines obersten Götterpaares und seiner Elite, seinen Untergöttern, erscheinen, sondern auch die festgehaltene und so sorgfältig durchgeführte Erinnerung an die tierische Abkunft des Menschen, wie sie sich in dem Tierkult bekundet!