Mochte diese Prämisse und Grundtatsache der Religion mit der weiteren organischen und bewußtheitlich-kulturellen Entwicklung wie auch immer sich weiter ausdifferenzieren, so wurde sie selbst doch nicht einen Augenblick aufgegeben und konnte auch gar nicht aufgegeben werden! – Mochten die Götter später mit hundert und tausend Köpfen, Armen und Beinen vorgestellt werden, mochten zu den Hauptgöttern noch ganze Scharen von Nebengöttern in Himmel-, Ober- und Unterwelt hinzukommen, so waren doch alle solche Attribute oder waren diese Scharen von Nebengöttern dennoch nicht einen Augenblick im Widerspruch mit der religiösen Prämisse und Grundtatsache. Die hundert, tausend oder mehr Köpfe und Glieder stimmten nicht nur für die betreffende Gottheit, die man mit ihnen ausstattete, sondern auch für das persönlich menschliche Urahnenpaar. Denn sie besagten ebenso wie die Scharen der Nebengötter, nichts als den Machtbereich und die gewaltige Vielseitigkeit seiner Eigenschaftlichkeit; ja sie besagten sogar allen sozietären Umfang des Urpaares, der ja tatsächlich nichts anderes war und nichts anderes ist als seine direkte organische gattliche Ausgliederung und ihr Umfang. Auch hier sind die vorzeitlichen Vorstellungen also keineswegs blos so »naiv« und wirklichem Tatsachenbestand widersprechend, sondern vielmehr durchaus mit ihm in Einklang und sogar erstaunlich exakt tief, identisch erfaßt!
Aber wir haben freilich noch einen anderen Umstand in Rücksicht zu ziehen!
Nämlich mit der vorschreitenden geistigen Kultur erfuhr ja Wissen und Anschauung des Menschen von Erde und All eine wesentliche und wichtige Veränderung.
Es verfeinerten sich die Denkmethoden, indem sie ihren anfänglichen symbolistischen und vorwiegend emotional-dichterischen und bildlichen Charakter gegen einen abstrakten logischen vertauschten, der das allzu grobsinnlich drastische Symbol in ein logisches Begriffssymbol verwandelte. Es erwachte das philosophisch-logische Denken.
Es erhoben sich die so rein geistigen Begriffe des Bram, Nirwanas, der von jeder sinnlichen Anschauung losgelöste Unendlichkeitsbegriff. Später mit der griechischen Philosophie, die schon als Vorläufer moderner exakter Wissenschaft anmutende Elementar- und Naturphilosophie, die Begriffe der Kraft und des Atoms, die Ideen Platos, der Begriff des Geistes und der Geistigkeit. Die alten Göttervorstellungen, ihre Olympe und Walhalls, schienen ein für allemal in Wegfall gekommen. Es vollzieht sich die Umwandlung der persönlich anthropomorphistischen antiken Nationalgottheit und der vielen Götter in den geistigen Ein-Gott.
Kurz: die bisherige Prämisse und Grundtatsache der Religion scheint sich durch eine andere ersetzt zu haben.
Aber zugleich nimmt ja auch das Problem des Menschen wieder eine besonders dringliche Gestalt an! Schon die altionische Philosophie bedeutet den Anfang einer solchen höchst eindringlichen Behandlung des Problems Mensch, und von ihr an ist die ganze Entwicklung der griechischen Philosophie bis Socrates und bis zum Christentum hin eigentlich nichts anderes als eine bis dahin unerhörte intensive Erörterung dieses Problems. Der Abschluß dieser Erörterung ist aber der, daß aus dieser wundersamen Vorahnung der höchste vollkommenste, freieste Mensch in Gestalt und Erscheinung tritt und mit dem Christus »ins Fleisch geboren« unter allen Menschen vorhanden ist, um sie aus der Enge ihrer antik nationalen Eingeschränktheit zu höchster Vollkommenheit und – Gotteinheit zu erlösen!
Dieser persönlich leibliche, so durchaus konkrete Inbegriff »Mensch« aber? Ist nichts geringeres als der geistige Ein-Gott selbst als »Sohn« ins »Fleisch geboren« und in die Erscheinung hinein! – Nur daß er dem »alten Menschen,« dem »alten Adam« gegenüber durch eine tiefwundersame innere Wandlung (μετανοια) zu einem neuen Menschen werden soll, durch ihn, der sich den »neuen Adam« nannte oder so genannt wurde. Zu einem neuen Menschen, dem diesmal die Herrschaft über den ganzen Erdball bestimmt war, und der diesmal zum umfassendsten und restlosesten Umfang der Erkenntnis des Menschen von sich selbst gelangen sollte; dem es bestimmt war, dereinst sich als den Inbegriff, die Krone und höchste Stufe aller organischen, ja auch unorganischen Wesenheit und also als den Inbegriff allen Weltwesens und Kosmos zu erkennen! Als den, der stets der gleiche und eine von allem Uranfang der Welt an durch eine heilige Stufenfolge organischer Wandlungen bis hierher gelangt war!