Als letztere hat sie aber der religiösen und erkenntnistheoretischen Entwicklung zwei Tatsachen von außerordentlich wichtigem und ausschlaggebendem erkenntnistheoretisch-religiösen Wert ermitteln können. Indem sie nämlich, hier in engem Anschluß an die Schelling-Hegelsche Entwicklungsidee stehend, empirisch exakt die Tatsache der Entwicklung feststellte; und außerdem die andere Tatsache von der Erhaltung und Einheit der Kraft!

Indessen ist zu sagen, daß die Wissenschaft diese beiden so überaus wichtigen und ausschlaggebenden Tatsachen ihrem wahren synthetischen Wert nach nicht zu erfassen vermocht hat!

Das ist allerdings unschwer zu verstehen. Ist doch die Wissenschaft, wie wir bereits sahen, ihrem eigentlichen Charakter nach keine synthetische, sondern eine analytisch-experimentierende Funktion, hat sie sich doch um eine möglichst genaue Feststellung von Einzeltatsachen und ihres Zusammenhanges im Sinn einer möglichst genauen Beschreibung derselben zu bekümmern, je nach der betreffenden Disziplin und ihrem Tatsachenbereich. (Welch' letzterer Umstand gerade heute noch dazu zu einem bekanntermaßen nachgerade schon heillosen Spezialistentum und seiner eingekapselten Eigenbrödelei geführt hat!)

Man kann es daher auch kaum anders als einem äußerlich formal schematischen Sinne nach eine wissenschaftliche Synthese nennen, wenn die exakte mechanistische Wissenschaft die Ergebnisse ihrer experimentativen Einzelempirie in allgemeinen Sätzen und Gesetzen formuliert. Das ist mehr eine Sache der bequemeren Übersicht als eine wirkliche erkenntnistheoretische, religiös anwendbare Synthese. Kann eine solche doch naturgemäß auch weder auf dem Gebiete der Biologie, wo die Entwicklungstatsache bis jetzt fast ausschließlich ihre Rolle gespielt hat, noch auch auf dem der Physiologie, der Physik, Chemie oder sonst einer exaktwissenschaftlichen Disziplin erreicht werden. Jede dieser Disziplinen kann vielmehr nur ihren jeweiligen Hauptgegenstand möglichst exakt feststellen, beschreiben und formulieren. Es bleibt durchaus dabei, daß die exakte Naturwissenschaft auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht lediglich eine Hilfsdisziplin ist, die ihre hauptsächlichsten Ermittlungen erst einem wirklich überschauenden synthetisch philosophischen, bezw. religiösen Nachdenken, oder vielmehr, wie wir gleich nachher erkennen werden, einer einzigen ein für allemal feststehenden, identischen, axiomatischen Grundtatsache darbietet, damit an dieser eines Tages endgültig ausgemacht werden kann, daß und wie sie sich bis daher lediglich weitergeformt und entwickelt, indessen ihrem wesentlichsten Grundbestand nach nicht einen Augenblick aufgehoben hat!

Denn, meine man doch ja nicht etwa, daß die exakte mechanistische Wissenschaft erst ihrerseits eine neue und endgültige Prämisse und Grundtatsache für die Religion auszumachen oder ausgemacht hätte!

Vielmehr steht es also gerade so, daß die mechanistische Wissenschaft von den beiden großen Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft noch nicht einmal für ihre Einzeldisziplinen von der Biologie aus einen wirklichen Vorteil zu ziehen vermocht hat! Man könnte zwar sagen, daß wenigstens Physiologie und vor allem Chemie jene beiden Tatsachen sich zu Nutz gemacht, zu ausschlaggebender Anwendung gebracht und sich nach ihnen umgewandelt hätten: indessen auch sie noch nicht einmal in einer wirklich zureichenden Weise, wie wir bald erkennen werden.

Es kommt nun außerdem aber ganz und gar noch hinzu, daß, nachdem die Versuche, welche hervorragende Biologen, Physiologen und Chemiker neuerdings machten, von ihren Wissenschaften aus eine Erkenntnistheorie und Philosophie auszubauen, wie nicht anders zu erwarten war, gescheitert sind, und nachdem man augenblicklich unter dem dringlichsten Zwang die brennende erkenntnistheoretische und religiöse Krise zu lösen, wieder zu dem rein spekulativen Moment der früheren deutschen Metaphysik sich zurückgewandt hat, leider sogar in der Naturwissenschaft selbst ein direkter Zweifel an der Tatsache der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft Platz gegriffen hat. Wahrlich das allerbedenklichste, was sich ereignen konnte, und was der exakten Wissenschaft sogar geradezu letal werden könnte! Denn sie ist im Begriff, durch diesen Umstand, anstatt mehr und mehr überhaupt der Hypothese sich zu entäußern, in ein so verzwicktes Wirrsal von Hypothesen und Hypotheschen hineinzugeraten, daß sie unfehlbar unter ihm zusammenbrechen muß!

Jedenfalls sieht man, daß die exakte Wissenschaft, wie sie augenblicklich dasteht, nichts weniger als geeignet ist, in religiösen Angelegenheiten irgend einen Ausschlag zu geben oder den konfessionellen Religionsunterricht entbehrlich zu machen. Denn wahrhaftig: eine bösere Wendung der Dinge kann man sich doch kaum vorstellen, als die, daß dieselbe Wissenschaft, welche die frühere Metaphysik erledigt zu haben glaubte, und ganz sicherlich auch berufen ist, sie zu erledigen und die vorwärtsschreitende Entwicklung über sie hinauszuführen, neuerdings wieder mit dieser selben Metaphysik kompromittiert und sich gar von ihr in ihren eigenen Angelegenheiten und Disziplinen irritieren läßt! Aber das Rad der Entwicklung ist wahrhaftig nicht aufzuhalten oder rückwärtszudrehen! Noch Niemand ist ihm ungestraft in die Speichen gefallen!


Entweder also sind die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft in Wirklichkeit keine sicheren empirischen Ausmachungen und der Erkenntnistheorie, der Religion und der Wissenschaft selbst droht, ich weiß nicht was für ein in seinen Folgen unausdenkbarer Zusammenbruch, oder sie sind dennoch vollständig sichere Tatsachen und nicht nur die Wissenschaft, sondern, worauf vor allen Dingen alles ankommt, Erkenntnistheorie und Religion erstarken zu neuer Kraft und sind imstande, sich endgültig auszubauen.