„Herr, ist es möglich, so laß’ diesen Kelch an mir vorübergehn!“
Lange liegt er im Gebet; aber kein Frieden will über ihn kommen. Erloschen ist die Fülle der Visionen, versiegt die Macht leidentrückender Ekstase, die ihn an das Herz des Vaters hebt. Ein müder, verzagter Mann windet sich hier in der Tiefe menschlicher Ohnmacht und vergeht im Vorgefühl einer schmachbeladenen Agonie.
Was bedeutet dies Bangen? Ist er nicht, Herr über Leben und Tod und ihr mächtiger Überwinder, gekommen, um zu sterben, daß aus seinem Tode unvergängliches Leben für die Jahrtausende sprieße? War er nicht gekommen, des väterlichen Geistes voll, daß die Urmacht des göttlichen Wortes sich über die Geschlechter der Jahrtausende spanne?
Judas...
Und wieder sieht er sich auf dem Füllen der lastbaren Eselin, und das Volk vor ihm her, Palmen breitend und Gewänder, und der freudige Jubelruf der Scharen umbraust ihn: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna dem Sohne Davids, einem König in Israel!“ Und wieder hört er den Messiasruf und die Sehnsucht seines geknechteten Volkes.
Judas...
Und wieder, wie vor Jahren, da er die vierzig Tage in der Felsenwüste durchfastete, will sich in ihm das heiße Thatenblut der alten Volkskönige regen, und der Gedanke an die Macht und die Herrlichkeit dieser Welt gleißt vor seiner Seele, und er denkt an die Verheißungen und Hindeutungen der Propheten. Wieder, wie einstmals in der Einöde, der heißen Ideeenamme der Erhabensten seines Volkes.
Judas...
Und er gedenkt der Zuversicht seines Jüngers zu ihm, dem Sproß der Könige. Und noch einmal erheben sich die beiden Seelen seiner Brust gegen einander im heißen Ringen. Er sieht, wie die Scharen kommen, aus Galiläa, von Syrien her und die am Gestade des Meeres wohnen, aus Samaria und über den Jordan herüber, drüben aus Peräa, seinem machtvollen Wort zu lauschen. Und wie Meereswogen sieht er die Völker erschauern unter der Gewalt seiner Rede. Und sein Königsblut braust auf und sein gewaltiges Messiasgehirn führt sein Volk zum Sieg.
Ha, Judas!...