Auf dem obersten Gipfel laß’ ich mich nieder in das Gras, das wie ein weicher Teppich ist.

Wie herrlich es sich hier oben über allerlei nachdenken läßt!

Denn nun bin ich ein Herr dieser ganzen weiten nächtlichen Gegenden, ein einsamer Herr, und mir gehört die ganze, ganze Fülle ihrer Wunder und Geheimnisse. Die schwarzen Wälder gehören mir, die in das Thal hinabraunen, die dämmernden Tiefen mit ihren weißen Nebeln und ihrem flinkernden Bach, weit dort drüben die silberbleich geisternde Seefläche, das endlose Gewoge des Landes und alle Himmelswelten. — Das Städtchen mit seinem Vordorf ist nicht mehr zu sehen. Es ist hinter dem Wald verschwunden mit allem, was klein und eng und warm und traulich und wirrend und alltäglich ist, und was zur Klarheit seiner selbst und seiner Einheit kommen möchte, in der großen Einförmigkeit dieser Einsamkeit, mit mir und in mir...


Du hältst still, hältst diesem weiten Grauen der nächtlichen Öde mutig still, kräftig, sie zu ertragen und fühlst, was die einfachen und doch so mächtigen Akkorde dieser Linienzüge dieser Wölbungen, dieser Formen, dieser großen und weiten Gegensätze von Halblicht und Dunkel, dieser Himmelswölbung mit allen ihren großen und kleinen Sternen, Sternbildern, kosmischen Nebelflecken, jeder Millionen und Millionen von Sonnensystemen, in dir wie in einem Resonanzboden wecken und ertönen lassen. Du bist in dieser herb-rauhen und doch unsagbar wonnig-großen Andacht, mitten in dem mystischen Einklang ihrer erhabenen Fuge, und du kannst sagen: alles, was nun in dir lebendig wird, sind Geisterstimmen ewigen Flutens, ewigen Lebens und ewiger Bewegung...

Still, wie ihr Geheimstes nun in dir offenbar wird! Und fühle, ahne, was du bist! Wie du eine Offenbarheit bist, die sich selbst unbegreiflich! Wage, das ganz, ganz zu fühlen, ganz in dieser unsäglichen Empfindung zu erschauern! — Was bist du nun und was bedeuten deine Gedanken, was bedeutet dein Wissen, deine Gedanken? — Und achte auf die, die wiederkehren und immer wiederkehren und aus der Wirrnis deiner Alltäglichkeiten immer wieder emportauchen, und spüre im Triumph deiner Ekstase ihre ganze und volle Würde! —


Da kommt sie wieder, die schlichte Meinung Meister Haberlands, dieses kleinen dürren blonden Krämers mit seiner Glatze, seiner Brille und seiner Schnurrbartraupe, dieses unscheinbaren Einen vom Dutzend, nicht? — Aber es sind nicht so besonders die Worte: nein! Du verstehst, was das Unsagbare dabei ist, das Hellseherische kannst du sagen, dieses ewig Gewisse, Wahre, Feste, dieses — Hellseherische, das sich nicht irren kann, nie! verstehst du? — Es ist diese Stimmung einer versonnenen, sinnenden Müdigkeit, halb wonnig, halb traurig, halb Ruhe, halb Unruhe, wie sie sich wohl einstellt, wenn man den Tag über so und so viel dummen Krempel von Ware verabreicht hat, so und so viel Redensarten hat machen müssen gegen Menschen, die einem gleichgültig sind. Das ist es. — Die Nüance, das Unwillkürliche, dieses — nun wie soll ich sagen? — dieses aus dem tiefsten Aus-sich-selbst-heraus.

Da ist es wieder: dieses simple Postulat, dieses so recht volkstümliche Postulat eines „jenseitigen Ausgleiches“. — Nun, es ist altmodisch. Aber merke und vergegenwärtige dir, daß du, wenn du es verneinst, nicht aus einer einheitlichen Stimmung heraus verneinst, sondern etwa im logischen Geplänkel eines Disputes, oder aus der Grämlichkeit einer Verbitterung heraus, nicht aus diesem Rausch, aus diesem gesteigerten, vertieften Empfinden einer Einheit. Und nur im Rausch ist das Leben und im Rausch offenbaren sich die Wahrheiten. Das läßt sich kaum deduzieren, aber fühlen, fühlen, fühlen...