Seit dem 4. Jahrh. wurde es Sitte, den Täuflingen unmittelbar nach der Taufe ein weißes Kleid anzulegen, welches sie acht Tage hindurch tragen mußten, „und wurden in demselben an dem auf Ostern folgenden Sonntage, welcher eben daher den Namen: Dominice in albeis (der weiße Sonntag) erhielt, der Gemeinde vorgestellt“.[257] Womit will man diesen Gebrauch rechtfertigen? Durch das N. Testament kann es nicht geschehen, denn dasselbe berichtet uns nichts von einem achttägigen Tragen der weißen Kleider nach der Taufe.
11. Die Taufkerzen.
Ein weiterer unbiblischer Gebrauch war, daß man dem Täufling, auch den kleinen Kindern, sogenannte Taufkerzen in die Hand gab als Sinnbild der ihnen zuteil gewordenen Erleuchtung. Nach Dr. Angustis Angabe ist diese Sitte erst im 4. Jahrh. entstanden.[258]
12. Der Gebrauch von Milch und Honig bei der Taufe.
Tertullian schreibt, daß die Täuflinge, nachdem sie aus dem Wasser heraufgestiegen sind, eine Mischung von Milch und Honig genießen und sich von jenem Tage an eine ganze Woche hindurch des täglichen Badens enthalten.[259] Ob nun dieser Brauch biblisch ist, soll Tertullian selbst beantworten. Er sagt: „Wenn du für diese und andere Gebräuche eine ausdrückliche Vorschrift der hl. Schrift verlangen wolltest, so wirst du keine auftreiben können. Man wird dir die Tradition entgegenhalten als die Urheberin davon.“[260]
13. Die Tonsur.
Im 4. und 5. Jahrh. finden sich viele Zeugnisse von Mißbilligung und Verwerfung der Tonsur vor. Erst am Ende des 5. und Anfang des 6. Jahrh. fing die Tonsur an, bei dem geistlichen Stande eine allgemeine Sitte zu werden.[261] Später vollzog man die Tonsur auch an Laien und Kindern, und zwar in Verbindung mit der Taufe. In der griechisch-russischen Kirche sind beide Tonsuren üblich, „die tonsura clericalis und die Tauftonsur“.[262] Die Vollziehung der letzteren ging nach Staerks Angabe wie folgt vor sich: „Nach vorausgegangenem Gebet beschneidet der Liturg das Haupthaar des Täuflings in Kreuzesform, indem er spricht: Geschoren wird der Knecht Gottes N. N. im Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geistes. Amen.“[263]
So gewiß es ist, daß weder im N. Testament noch in den ersten Jahrhunderten eine Spur von einer Tonsur aufzufinden ist, so gewiß ist es auch, daß dieser Brauch direkt dem Heidentum entnommen ist. Rabaud, Präsident des Konsistoriums zu Montauban, schreibt darüber: „Die Tonsur ist ein heidnischer Brauch, Sklaven, bisweilen auch Besiegten schor man den Kopf; es war das ein Zeichen der Erniedrigung, aber auch ein Symbol der Entsagung und der Aufopferung. So schnitten sich vor dem Angesichte gewisser Göttinnen die jungen Mädchen, welche sich ihrem Dienste weihten, ihren Haarschmuck ab; in Ägypten trugen die Isispriester rasierten Kopf. Nach der Entstehung des Mönchtums schlossen sich manche Ordensleute den Bräuchen alter Zeit an und ließen sich zum sichtbaren Zeichen ihres Geistes der Demut und ihrer Gelübde der Entsagung das Haar abschneiden, von dem sie nur einen Kranz rings um den Kopf stehen ließen.... Daraus ist die Tonsur hervorgegangen.“[264] Noch bestimmter äußert sich Staerk darüber: „Schon bei den alten Griechen war es Sitte, den Kindern die Haarlocken abzuschneiden und sodann zu gewissen Zeiten dieselben den Dämonen zu opfern. Durch das Christentum wurde dieser heidnische Brauch zu einem Kulte des wahren Gottes umgewandelt.“[265]