Nach Beendigung aller oben angeführten Zeremonien und noch vieler anderer mehr wurde am achten Tage der Täufling wieder in die Kirche gebracht, um abgewaschen zu werden. „Diese Sitte gründet in der griechisch-russischen Kirche darin, daß bei der Myronsalbung das Chrisam nicht gänzlich abgewischt worden ist. Das Kind muß daher während dieser Zeit sein Taufröcklein tragen und darf nicht gebadet werden.“[266]

Wir übergehen die übrigen Gebräuche, welche weder von beständiger Dauer waren, noch von den verschiedenen Kirchen einstimmig angenommen wurden.[267] Von den angeführten glauben wir aber den Beweis erbracht zu haben, daß sie alle durchweg eine menschliche Erfindung und Einrichtung sind und nie ihren Ursprung in der Bibel haben. Dies zeigte uns schon die oben zitierte Stelle aus Tertullian, der unverhohlen zugibt, daß der Exorcismus und einige andere Taufgebräuche sich allein auf die Tradition gründen. Dasselbe gibt auch in noch klareren Worten Basilius der Große (gest. 379) zu, was wir seinem Buch „Vom hl. Geist“, Kapitel 27, entnehmen: „Wir begnügen uns nicht mit dem, was die Apostel oder das Evangelium mitteilen, sondern wir haben noch eine ungeschriebene Lehre; wir segnen z. B. das Wasser der Taufe und das Chrisma der Salbung, ja den Täufling selbst: wo steht das geschrieben? Geschieht es also nicht nach einer verschwiegenen und geheimgehaltenen Lehre? Welches geschriebene Wort (der Bibel) lehrt die Salbung mit dem Chrisma? Woher ist es genommen, daß wir den Täufling dreimal untertauchen? Aus welchem Buche haben wir die übrigen Taufgebräuche, wie unter anderem, daß dem Teufel und seinen Engeln entsagt wird? Rühren sie nicht aus jener verborgenen Geheimlehre her, welche unsere Väter in der Stille aufbewahrten?“

Zu Luthers Zeit waren diese Taufgebräuche noch alle vorhanden und manche davon von Luther beibehalten und in Anwendung gebracht worden, doch seine Anschauung darüber ist die, daß sie alle in den Bereich der Menschensatzungen zu rechnen sind. Wir führen noch seine eigenen Worte zum Schlusse an. Er sagt: „So gedenke nun, daß in dem Taufen diese äußerlichen Stücke das Geringste sind, als da ist: unter Augen blasen, Kreuz anstreichen, Salz in den Mund geben, Speichel und Kot in die Ohren und Nase tun, mit Öl auf der Brust und Schultern salben und mit Chrisam den Scheitel bestreichen, Westerhemde anziehen und brennende Kerzen in die Hände geben, und was das mehr ist, das von Menschen, die Taufe zu zieren, hinzugetan ist; denn auch wohl ohne solches die Taufe geschehen mag und nicht die rechten Griffe sind, die der Teufel scheut oder flieht.“[268]

Die gänzliche Entkleidung bei der Taufe.

Es scheint, als ob im Altertum die vielen Neuerungen gar kein Ende nehmen wollten. Ein falscher Gebrauch bahnte dem anderen den Weg, bis man Gebräuche in Anwendung brachte, die das Schamgefühl des fein denkenden Menschen aufs tiefste verletzten und die, um es gelinde zu sagen, alles andere, nur nicht schicklich waren. Gar bald ließ man die Mahnung des Apostels außer acht: „Alles aber geschehe anständig und in Ordnung.“[269] So wurden zum Beispiel die Täuflinge, Männer wie auch Frauen, gänzlich entkleidet und wurden ganz nackend getauft.

Diesen allzu menschlichen Gebrauch finden wir zuerst von Cyrill von Jerusalem (gest. 386) erwähnt. Er sagt: „Sobald ihr das Innere der Taufhalle betratet, zoget ihr sogleich eure Kleider ab, und dies war das Bild des alten mit seinen Werken ausgezogenen Menschen. Ausgezogen, waret ihr nackt und ahmtet auch hierin dem am Kreuze entblößten Christus nach, der durch diese Blöße die Herrschaften und Gewalten ausgezogen und über sie am Holze mit hohem Mute triumphiert hat..... Ihr waret nackt vor den Augen aller und schämtet euch nicht, denn ihr waret wahrhaftig ein Bild des ersten Menschen, Adam, der im Paradiese nackt war und sich nicht schämte.“[270] Ambrosius (gest. 397) sagt: „Die Menschen kamen so nackend zum Taufbassin wie sie in die Welt kamen.“[271] Die völlige Entkleidung bei der Taufe finden wir auch von Dionysius erwähnt.[272] Und Chrysostomus sagt, indem er von der Taufe spricht: „Die Menschen waren so nackend wie Adam im Paradies. Allein dort wurde der Mensch nach der Sünde nackt, weil er gesündigt hatte; hier dagegen wird er nackt, um von Sünden befreit zu werden. Damals zog der Mensch die Herrlichkeit aus, mit der er bekleidet war; jetzt zieht er den alten Menschen aus, und ehe er ins Taufbad steigt, zieht er ihn so leicht aus wie die Kleider.“[273] Chrysostomus schreibt noch, daß der Einfall der Soldaten in die Kirche zu seiner Gefangennehmung gerade zu der Zeit geschah, als die Frauen zur Taufe sich entkleidet hatten, die so in Schrecken versetzt wurden, daß sie nackend die Flucht ergriffen.[274] Schon Athanasius (gest. 373) spricht von skandalösen Auftritten, welche in dem Taufhause vorfielen. So beschuldigt er unter anderem die Arianer, daß durch eine Überredung Juden und Heiden während einer Taufe in die Taufhalle eingebrochen seien und dabei die Katechumenen, wie sie dort standen, nackt, in einer Weise mißhandelt hätten, die zu scheußlich und schändlich wäre, um sie niederzuschreiben.[275] „Kaiser Konstantin legte,“ schreibt Dr. Brenner, „da er sich zur Taufe anschickte, nach der Erzählung des Simeon Metaphrastes, auch seinen letzten Leibrock ab und ließ die Schande seines Fleisches sehen.“[276] „Jobia, die Tochter des Perserkönigs Sapor, wird von dem Diakon Cyriakus in ihrem Schlafgemache nackt in eine silberne Wanne gestellt, um getauft zu werden, wie Surius aus sehr alten Martyrologien erzählt.“[277]

Derartige Gebräuche, wodurch das menschliche Schamgefühl auf solche schändliche und frivole Weise untergraben wurde, kann man mit irgend einem Namen bezeichnen, aber nur nicht „christlich“ heißen. Unzuchtsszenen, die sich bei derartigen Gelegenheiten abspielten, machten es notwendig, synodale Erlasse ergehen zu lassen, die dahin lauteten, daß die Frauen zur Zeit, wenn die Männer getauft würden, das Baptisterium nicht betreten durften. Ein solches Verbot erließ z. B. eine persische Synode von 485. Der Metropolit Barsumas von Nisibis, der diese Synode leitete, tadelt den Katholikus, „weil er gestattet, daß Frauen das Baptisterium betreten und bei der Taufe zuschauen durften, woraus Unzuchtsvergehen und unerlaubte Heiraten entstanden seien“.[278]

Wahrlich, hier finden wir Mysterien dazu geschaffen, den Heiden, der zu einer solchen christlichen (?) Kirche übertrat, für alles, was er zurückließ, zu entschädigen. Wie bald verlor doch das Gold seinen Glanz und wurde seine ihm vom Goldschmied gegebene Form verunstaltet.