Haben die Apostel Säuglinge getauft?
Wir sind bei der Beantwortung dieser nicht unbedeutenden Frage durchaus nicht auf Hypothesen angewiesen, sondern uns stehen die reinsten und unverfälschtesten Geschichtsquellen zur Verfügung, denen wir zu jeder Zeit unser volles Vertrauen entgegenbringen können, nämlich die Schriften der Apostel. Sie allein können uns die zuverlässigste Antwort auf unsere Frage geben, denn in ihnen finden wir die genauesten Berichte von dem, was die Träger des Evangeliums taten und lehrten, und da sie auch auf die unbedeutendsten Punkte der christlichen Lehre aufmerksam machten und sie einer genauen Erörterung unterzogen,[318] so muß auch unbedingt eine so wesentliche Einrichtung wie die Kindertaufe, wenn sie eine apostolische Praxis war, Erwähnung in den apostolischen Briefen finden.
Die Frage wäre nun, finden sich im N. Testament Aussprüche, die uns das Vorhandensein der Säuglingstaufe im apostolischen Zeitalter bestätigen? Diese Frage wird von verschiedenen Seiten bejahend beantwortet. Katholiken wie Protestanten pflegen aber nicht nur dieselben Beweisstellen anzuführen sondern auch dieselbe Methode dabei zu verfolgen. Unterziehen wir deshalb die zur Begründung dieser Behauptung herangezogenen Stellen einer genauen und unparteiischen Untersuchung.
Zunächst wäre Mark. 10, 13–16 näher ins Auge zu fassen. Wir lesen hier, daß Mütter ihre Kinder zu Jesu brachten mit dem Wunsche, daß er die Hände auf sie lege, für sie beten und sie segnen möge. Die Jünger aber wiesen sie zurück. „Da es aber Jesus sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ Wie man nun in diesen Worten Jesu einen Beweis für die Säuglingstaufe finden will, ist ganz unbegreiflich. Denn wo steht hier etwas davon geschrieben, daß Jesus diese Kinder taufte? Wir lesen nichts davon! Nur eins wird gesagt: „Jesus rief sie zu sich,“ und sie kamen zu ihm, und er nahm sie in seine Arme, „herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.“[319] Auch wird in dieser Erzählung mit keiner Silbe der Paten gedacht oder an andere bei der Kindertaufe übliche Zeremonien, wie z. B. Teufelsbeschwörung, Ölsalbung, Kreuzschlagen, das Anblasen und Bestreichen der Ohren und Nase des Täuflings mit Speichel u. a. m. Es ist sicher, daß Jesus weder diese Kinder noch Erwachsene getauft hat, denn in Gottes Wort wird ausdrücklich gesagt: „Jesus selber taufte nicht, sondern seine Jünger.“[320] Ebenso gewiß ist es aber auch, daß die Jünger diese Kleinen nicht tauften, denn sie haben ja dieselben „hinweggewiesen“. Es ist sicher unsere heiligste Pflicht, die Kinder zu Jesu zu führen, aber dies kann nie durch die Taufe derselben geschehen, sondern nur, indem man ihnen von diesem Freund der Kleinen, dem Heilande, erzählt, sie mit seiner Lehre und seinem Willen bekannt macht, sie erzieht „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“.[321] Und dann, wenn sie genugsam unterrichtet worden sind, wenn sie aus eigener Überzeugung und freier Wahl, mit aufrichtigem, verlangendem Herzen die Taufe wünschen, dann erst sollten sie dieselbe empfangen. Es ist unbegreiflich, wie man schon seit der ältesten Zeit bis in die Gegenwart gerade diese Stelle zur Empfehlung und Rechtfertigung der Kindertaufe hat anführen können. Es muß doch einem jeden Einsichtsvollen, der einen Augustin nicht über Christus stellt und die symbolischen Bücher einer Kirche nicht an Stelle der deutlichen Aussprüche und Lehren der hl. Schrift setzt, klar sein, daß unser Text mit der Taufe nichts zu schaffen hat und somit die Meinung von dem Vorhandensein der Kindertaufe in den Tagen der Apostel nicht im geringsten unterstützt. Man mag wohl nach eigenem Belieben Hitze Kälte, weiß schwarz, rund viereckig, gerade krumm oder gar eine Flasche Tinte eine Tasse Milch heißen, aber um der Sache Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und um der hl. Schrift willen, soll man doch nicht zu behaupten suchen, daß eine Segnung eine Taufe sei.
Eine richtige und der Tatsache entsprechende Bemerkung zu dieser Stelle macht Olshausen: „Von der bei dieser Erzählung häufig gesuchten Beziehung auf die Kindertaufe ist hier offenbar keine Spur zu sehen. Der Erlöser stellt die Kinder den Aposteln als Symbole der geistigen Wiedergeburt und des in ihr gegebenen kindlichen Sinnes dar, — von seiten der die Kinder herbeibringenden Eltern wurde aber offenbar nichts weiter beabsichtigt als ein geistiger Segen für dieselben (der indes nicht als eins mit der Taufe zu denken ist), und diesen schöpften die Kleinen aus der Handauflegung Christi, die durch das Gebot, das sie begleitete, getragen, nicht ohne wohltuenden, geistigen Einfluß sein konnte.“[322]
Jesus segnet die Kinder.
Dr. Gmelin schreibt in seinem Antrag und Vorschlag an die Landessynode der evangelischen Kirche Württembergs von 1894: „Daß alle die Stellen, die man bisher in Nachahmung der mittelalterlichen Kirche für jene magische Wirkung der Taufe angeführt hat, insbesondere Mark. 10, 14, wo das Wort Jesu ja auf ungetaufte Kinder sich bezieht, nichts beweisen, oder gar wie Matth. 28 und Mark. 16 mit ihrer Vorausstellung und Betonung des Lehrens und des Glaubens gerade den gegenteiligen Sinn haben, brauchen wir wohl gegenüber Theologen, wie in der Schrift gebildeten Laien nicht lange des Näheren nachzuweisen.“[323]
Weitere Stellen, durch die man den Beweis erbringen will, daß die Apostel auch Kinder tauften, sind Apg. 10, 48; 16, 15. 33; 18, 8 und 1. Kor. 1, 16, wo uns berichtet wird, daß ganze „Häuser“ getauft wurden. Man behauptet, daß bei einer Taufe ganzer Familien auch unbedingt kleine Kinder dabei waren. Untersuchen wir die betreffenden Stellen aber etwas genauer, so werden wir bald sehen, auf welch schwachen Füßen diese Annahme ruht, denn es steht in keinem dieser Texte, daß auch Kinder oder wohl gar Säuglinge getauft wurden; vielmehr wird uns darin berichtet, daß nur, „die dem Worte zuhörten“ getauft wurden.[324] Auch der Haushalt der Lydia bestand aus erwachsenen Personen, denn die mit ihr getauft wurden, werden „Brüder“ genannt, welche Paulus noch vor seiner Abreise durch das Wort ermahnte und tröstete.[325] Sie müssen somit in gereiftem Alter gestanden haben und im Besitze des rechten Verständnisses von dem gewesen sein, was Paulus ihnen vorführte. Dies ist aber bei Säuglingen ausgeschlossen. Olshausen meint, daß die mit Lydia Getauften Verwandte und Diener ihres Hauses waren. Er fährt dann fort und sagt: „Es fehlt uns nämlich durchaus an einer sicheren Beweisstelle für die Kindertaufe im apostolischen Zeitalter, und aus der Idee der Taufe läßt sich ihre Notwendigkeit nicht ableiten. Der Nachweis, daß die Kräfte des Geistes auch in dem bewußtlosen Kinde, selbst im Mutterleibe, schon tätig sein konnten, reicht dazu nicht hin, indem die Wiedergeburt, als deren Vermittlung die Taufe ihrer vollen Idee nach dasteht, mehr ist als ein bloßes Aufnehmen höherer Kräfte, nämlich eine Aufnahme derselben im tiefsten Lebensgrunde und eine dadurch herbeigeführte Veränderung der ganzen Lebenseinrichtung, welche ohne Bewußtsein und Bekenntnis der Hingabe an den heiligen und erhabenen Inhaber dieser Kräfte nicht denkbar ist.“[326]