Und seinem Kopfe folgen nicht!
So könnt’ es uns ja noch gelingen,
Daß wir ihn mit zum Himmel bringen.
So laß uns also, da es nicht ratsam ist, ihm alles auf einmal zu sagen, ein paar Schritte vorausgehen, wenn es dir beliebt, und ihn von Zeit zu Zeit weiter unterweisen, soviel als wir denken, daß er aufnehmen kann.“
Da sie also ihren Lauf beschleunigten, blieb Unwissend in einiger Entfernung hinter ihnen zurück. Plötzlich wurde es dunkel um sie her, und es begegnete ihnen ein Mann, der, mit sieben starken Stricken gebunden, von sieben unsaubern Geistern zu jener Tür zurückgetrieben wurde, die, wie die Pilger gesehen, in das Innere des Berges und in den Abgrund führt[117]. Christ fing an zu zittern, und auch seinem Gefährten Hoffnungsvoll wurde es bang. Während die Teufel diesen Mann wegführten, glaubte Christ in ihm einen gewissen Abtrünnig aus der Stadt Abfall zu erkennen, jedoch nicht mit völliger Sicherheit, da der Gebundene das Haupt wie ein ertappter Dieb niedersenkte. Hoffnungsvoll sah ihm nach und bemerkte auf seinem Rücken einen Zettel mit der Aufschrift: „Ein leichtfertiger Bekenner und fluchwürdiger Verleugner des Herrn.“
Christ sprach hierauf zu seinem Gefährten: Eben fällt mir ein, was einst hier in dieser Gegend einem guten Mann begegnet sein soll. Er hieß Kleinglaube, war dabei redlich und wohnte in der Stadt Aufrichtig. Der Vorfall war dieser.
Beim Eingang in diesen Hohlweg kommt von der Breitwegpforte ein Weg herab, der wegen der vielen Mordtaten, die schon darauf verübt worden sind, Totmannsstraße genannt wird. Dieser Kleinglaube, welcher wie wir jetzt sich auf der Pilgerreise befand, setzte sich dort nieder und schlief ein. Nun begab es sich, daß gerade von der Breitwegpforte drei handfeste Kerle herabkamen; ihre Namen waren Zaghaft, Kleinmut und Schuld — drei Brüder. Als sie Kleinglaube erblickten, rannten sie mit Windeseile auf ihn zu. Dieser war eben aus seinem Schlaf aufgewacht und schickte sich an zur Weiterreise. Als er nun plötzlich mit drohender Stimme angerufen wurde und sich von drei Männern umringt sah, entfiel ihm aller Mut, sich zur Wehr zu setzen oder die Flucht zu ergreifen. „Gib deine Börse her!“ rief Zaghaft ihm zu. Er zögerte, denn er wollte sein Geld nicht gern missen. Kleinmut drang nun auf ihn ein, griff in seine Tasche und zog einen Beutel mit Silber heraus. „Diebe, Diebe!“ schrie Kleinglaube, aber Schuld schlug ihn mit seiner Keule auf das Haupt und streckte ihn mit einem Schlag zu Boden. Da lag Kleinglaube nun schwer verwundet und in Gefahr, hier zu verbluten, während die Diebe noch eine Weile um ihn herumstanden. Da sie aber von fern jemand kommen hörten und befürchteten, es möchte ein gewisser Großgnade aus der Stadt Gutezuversicht sein, so machten sich sich aus dem Staube und überließen den armen Mann sich selbst. Nach einiger Zeit kam Kleinglaube zu sich, richtete sich mühsam auf und versuchte kriechend fortzukommen. Das war also die Geschichte.
Hoffnungsvoll. Haben sie ihn gänzlich ausgeraubt?
Christ. Nein, seine Kleinodien, die den Händen der Diebe entgingen, sind ihm geblieben[118]. Der gute Mann war jedoch über den erlittenen Verlust, nämlich des größten Teiles seines Reisegeldes, fast untröstlich. Außer seinen Kleinodien besaß er zwar noch ein wenig Kleingeld, doch kaum soviel, um bis ans Ende seiner Reise damit auszukommen; ja, er war, wenn ich recht unterrichtet bin, sogar genötigt, unterwegs zu betteln, um sein Leben zu fristen; denn seine Kleinodien durfte er nicht verkaufen. Aber soviel er auch umherging und bettelte, er mußte den größten Teil seiner Reise mit hungrigem Magen zurücklegen[119].
Hoffnungsvoll. Aber war das nicht ein Wunder, daß sie ihm sein Zeugnis, auf welches hin er an der Pforte des Himmels eingelassen werden sollte, nicht abnahmen?