Christ. Allerdings; daß sie es nicht fanden, lag jedoch nicht an seiner Vorsicht, denn durch den Überfall war er so bestürzt, daß er weder die Geistesgegenwart noch das Geschick besaß, irgend etwas zu verbergen. So geschah es also mehr durch die gütige Vorsehung Gottes als durch seine Bemühung, daß ihnen dies köstliche Ding entging[120].

Hoffnungsvoll. Welch ein Trost muß das für ihn gewesen sein, daß sie seine Kleinodien nicht bekamen!

Christ. Das hätte es sein können, wenn er sich dessen recht bewußt gewesen wäre. Allein, wie mir erzählt wurde, war er auf seinem Weg durch diesen Vorfall noch so von Angst und Schrecken erfüllt, daß er lange Zeit seines Schatzes, den er bei sich trug, gar nicht mehr gedachte. Und ob auch zuweilen ein Gedanke daran ihm aufleuchtete wie ein freundlich Sternlein in dunkler Nacht, so verdrängte ihn doch gleich wieder die stets neu aufsteigende Betrübnis über den erlittenen Verlust, wodurch seine Seele allen Trostes beraubt wurde.

Hoffnungsvoll. Ach der arme Mann! Wie ist ihm dadurch das Leben verbittert worden!

Christ. Ja, wie bitter! Versetzen wir uns einmal in diese Lage: in fremder Gegend plötzlich überfallen, beraubt und verwundet zu werden. Wie würde uns da zumute sein! Es ist ein Wunder, daß er nicht gar am Leben verzagte, der Arme! Man hat mir gesagt, daß er den ganzen übrigen Teil seines Weges unter bitterm Wehklagen und Seufzen zurückgelegt habe, und einem jeden, zu dem er kam, habe er eingehend seine Leidensgeschichte erzählt, nämlich wie und wo er ausgeraubt und verwundet worden sei, wer es getan und was er alles verloren, und wie er nur mit knapper Not sein Leben davongebracht habe.

Hoffnungsvoll. Aber auch das ist ein Wunder, daß ihn die Not nicht dazu trieb, etliche seiner Kleinodien zu versetzen oder zu verkaufen, um sich dadurch auf seiner Reise einige Erleichterung zu verschaffen.

Christ. Wie unbedacht du sprichst! Wofür sollte er sie auch verpfänden, oder an wen hätte er sie denn verkaufen können? In jener ganzen Gegend werden diese Dinge für nichts geachtet, und die Erquickung, die er bedurfte, war dort auch nicht zu finden. Überdies, wenn er am Tor der himmlischen Stadt seine Kleinodien nicht hätte vorzeigen können, so hätte er — das wußte er sehr wohl — von seinem Erbteil dort müssen ausgeschlossen bleiben; und wahrlich, das wäre für ihn schlimmer gewesen als ein spitzbübischer Überfall von zehntausend Dieben.

Hoffnungsvoll. Warum ereiferst du dich so, lieber Bruder? Esau verkaufte sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht[121], und diese Erstgeburt war sein größtes Kleinod. Warum hätte es nicht auch Kleinglaube ihm gleichtun können?

Christ. Wohl hat Esau sein Erstgeburtsrecht verkauft, und also tun noch viele und schließen sich dadurch gleich diesem Nichtswürdigen selbst aus von dem größten Segen; aber du mußt einen Unterschied machen zwischen beider Lage; Esaus Erstgeburt war vorbildlich, Kleinglaubens Kleinodien aber nicht. Bei Esau war der Bauch sein Gott, bei Kleinglaube aber nicht. Esaus Gebrechen lag in seiner Fleischeslust, was von Kleinglaube nicht gesagt werden kann. Auch hatte Esau nichts anderes als die Befriedigung seiner Lüste im Auge, denn er sagte: „Siehe, ich muß doch sterben; was soll mir denn die Erstgeburt?“ (1. Mos. 25, 32). Aber Kleinglaube ward, wiewohl ihm nur ein geringes Maß von Glauben verliehen war, vor solcher Verirrung bewahrt, und daher achtete er seine Kleinodien zu hoch, als daß er sie verkauft hätte wie Esau seine Erstgeburt. Aus der Schrift ist nirgends zu ersehen, daß Esau auch nur ein Fünklein Glaube besessen habe. Kein Wunder also, wenn jemand, von fleischlichem Sinn beherrscht (wie das immer der Fall ist bei einem Menschen, in dem kein Glaube zum Widerstand ist), dem Teufel seine Erstgeburt, seine Seele, ja sein Alles so leichten Kaufes preisgibt. Ein solcher ist wie ein Wild in der Brunst, das niemand aufhalten kann (Jer. 2, 24). Ist sein Sinn erst einmal auf die Befriedigung seiner Lüste gerichtet, so sucht er dieselbe auch um jeden Preis zu erlangen. Aber Kleinglaube war doch von andrer Art: sein Herz war auf göttliche Dinge gerichtet; seine Nahrung war geistlich und von obenher; wie sollte er also bei solcher Gesinnung seine Kleinodien verkaufen, um sein Herz mit eitlen Dingen zu füllen, selbst wenn sich ein Käufer gefunden hätte. Wird ein Mensch wohl einen Pfennig geben, um seinen Bauch mit Heu zu füllen? Oder kann jemand eine Turteltaube bewegen, vom Aas zu fressen wie ein Rabe? Ein Ungläubiger mag, um seine fleischlichen Lüste zu befriedigen, sich selbst und alles, was er hat, verpfänden, verschreiben oder verkaufen; nie und nimmer tut das einer, der Glauben, seligmachenden Glauben besitzt, und wenn es auch nur in einem geringen Maß sein sollte. Hierin, mein lieber Bruder, liegt dein Irrtum.

Hoffnungsvoll. Ich erkenne das an, aber doch hätten mich deine scharfen Worte beinahe erzürnt.