„Je nach eurem Glauben,“ erwiderten diese, „werdet ihr den Fluß tiefer oder seichter finden; in diesem Fall jedoch können wir euch keine Hilfe leisten.“
Kaum waren sie in das Wasser gestiegen, als Christ schon anfing zu sinken und seinem Freund zurief: „Ich versinke in tiefen Wassern; die Wogen gehen über mein Haupt, und alle ihre Wellen bedecken mich!“ (Jona 2, 4.)
„Sei getrost, mein Bruder,“ sprach Hoffnungsvoll, „ich fühle festen Grund!“
„Ach, lieber Freund,“ rief Christ, „die Angst des Todes hat mich ergriffen! Ich werde das Land nicht sehen, darin Milch und Honig fließt.“ — Tiefe Finsternis umgab ihn, er verlor die Pforte jenseits aus den Augen, ja, nicht einmal der großen Treue konnte er sich mehr erinnern, mit der ihn der Herr sein Leben lang gehalten und getragen hatte. Alle seine Worte verrieten den Schrecken seiner Seele und die Furcht seines Herzens, er werde in dem Strom umkommen und niemals durch die Pforte einziehen dürfen. Alle seine Sünden wachten auf und beunruhigten ihn, und zuweilen schien es, als wenn er mit unsichtbaren Feinden zu kämpfen hätte. Hoffnungsvoll hatte daher genug zu tun, das Haupt seines Bruders über Wasser zu halten, ja zuweilen schien es, als sänke er ganz unter, und erst nach einer Weile kam er halbtot wieder empor.
„Mein Bruder,“ so suchte Hoffnungsvoll von neuem zu trösten, „ich sehe die Pforte schon, ich sehe Männer in glänzendem Gewand, die zu unserm Empfang bereitstehen.“
Aber Christ antwortete: „Auf dich warten sie, auf dich; du hast gehofft, solange ich dich kenne.“
„Auch du hast deine Hoffnung bewahrt,“ erwiderte Hoffnungsvoll.
„Ach, Bruder,“ sagte Christ, „wäre ich gerecht vor Ihm, gewiß, Er würde mir jetzt zu Hilfe kommen; aber meine Sünden sind zu groß, darum bin ich in dieser Not, und Er hat mich verlassen.“
„Lieber Bruder,“ sprach Hoffnungsvoll, „laß dich erinnern, was von den Gottlosen geschrieben steht: Sie sind in keiner Gefahr des Todes, sondern stehen fest wie ein Palast; sie sind nicht in Unglück wie andre Leute und werden nicht wie andre Menschen geplagt (Ps. 73, 4. 5). Die Angst und Bangigkeit deines Herzens, durch welche du in diesen Wassern hindurch mußt, sind nicht ein Zeichen davon, daß dich Gott verlassen hat; sie sollen vielmehr dazu dienen, dich zu prüfen, ob du der Güte gedenken werdest, womit Er dich bisher geleitet, und ob du in deiner Not auch dein Vertrauen auf Ihn allein setzest.“
Nun sah ich im Traum, daß Christ hierüber eine Weile in Gedanken versunken war. Hoffnungsvoll redete ihm weiter zu: „Sei getrost! Jesus Christus macht dich gesund.“ Da rief Christ auf einmal mit lauter Stimme: „O ich sehe Ihn wieder! und Er versichert mir: So du durch Wasser gehst, will Ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen“ (Jes. 43, 2). Nun faßten sie beide wieder Mut, und der Feind verstummte, bis sie vollends hinüber waren. Sogleich spürte Christ Boden unter sich, so daß er gewiß treten konnte, und es fand sich auch, daß der übrige Teil des Flusses seicht war. So erreichten sie glücklich das jenseitige Ufer.