Erleuchte Leib und Seele ganz, Du starker Himmelsglanz!

Nun war an der andern Seite der Mauer, welche sich der Pilgerstraße entlangzog, ein Garten[168], und dieser Garten gehörte dem Besitzer jenes bellenden Hundes. Es ragten aber die Äste einiger darin stehenden Fruchtbäume über die Mauer, und wenn die Früchte reif waren, so hoben viele der Vorübergehenden sie auf und aßen davon zu ihrem Schaden. Auch die Knaben der Christin, wie solche Jungen zu tun pflegen, machten sich mit großem Vergnügen daran, etliche der Früchte zu pflücken, und fingen an, davon zu essen[169]. Ihre Mutter verwies ihnen dieses Tun, und da sie dennoch nicht davon abließen, sprach sie: „Kinder, ihr versündigt euch, denn diese Früchte gehören uns nicht.“ Sie wußte aber nicht, daß sie dem Feind gehörten, sonst wäre sie, das kann ich sagen, vor Angst schier gestorben. Sie setzten ihren Weg fort und legten dieser Sache keine weitere Bedeutung bei.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie in der Ferne zwei Übelgesinnte wahrnahmen, die rasch auf sie zukamen. Christin und Barmherzig zogen ihren Schleier vors Gesicht[170], die Knaben aber ließen sie voranschreiten. Als sie nun zusammentrafen, liefen die beiden gerade auf die Frauen zu, als ob sie dieselben umarmen wollten. Christin rief ihnen zu: „Bleibt zurück oder geht ruhig eures Wegs, wie sich’s gebührt!“ Die beiden Männer aber taten, als wären sie taub, und achteten nicht auf ihre Worte, sondern fingen an, Hand an sie zu legen. Hierüber wurde Christin so aufgebracht, daß sie mit den Füßen nach ihnen stieß. Auch Barmherzig erwehrte sich ihrer aus Leibeskräften.

„Bleibt zurück und geht eurer Wege!“ rief Christin ihnen abermals zu, „denn wir haben kein Geld, das man uns abnehmen könnte. Wir sind Pilger, wie ihr seht, und auf die Liebesgaben unsrer Freunde angewiesen.“

„Wir verlangen kein Geld von euch,“ antwortete einer der Männer, „sondern sind gekommen, euch zu sagen, daß wir euch dauernd zu glücklichen Frauen machen wollen, wenn ihr uns nur in einer geringen Sache zu Willen seid.“

Christin erkannte wohl die Absicht dieser Männer und sprach: „Wir wollen weder hören noch achten noch tun, was ihr begehren werdet. Wir sind in Eile und können uns nicht aufhalten; ein Verweilen ist unser Tod.“ So versuchte sie es und ihre Gefährtin aufs neue, an ihnen vorüberzukommen. Sie aber stellten sich ihnen in den Weg und sprachen: „Wir wollen euch ja gar nicht ans Leben; wir verlangen etwas ganz andres.“

Christin. „Ja, ihr wollt beides haben, Leib und Seele; denn ich weiß wohl, weshalb ihr gekommen seid. Wir aber wollen lieber auf der Stelle sterben, als uns in solche Schlingen verstricken lassen, wodurch unser ewiges Heil aufs Spiel gesetzt wird.“ Alsbald schrien sie laut: „Mörder, Mörder!“ und stellten sich dadurch unter die Gesetze, welche zum Schutz der Frauen gegeben sind (5. Mos. 22, 25-27). Dennoch aber ließen die Männer nicht ab, sie zu bedrängen, um sie zu überwältigen; deshalb wiederholten sie ihre Hilferufe.

Dieweil sie noch nicht weit von der engen Pforte entfernt waren, wurde ihr Rufen dort gehört[171]; und da man Christins Stimme erkannte, eilten einige aus dem Haus, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie fanden die Frauen in einem ernsten Handgemenge und die Kinder jammernd und weinend dabeistehen. „Was macht ihr da?“ rief einer der Helfer den Schurken zu. „Wollt ihr meines Herrn Volk sündigen machen?“ Er wollte sie ergreifen, sie entwischten aber über die Mauer in den Garten des Mannes, dem der große Hund gehörte, und befanden sich nun in dessen Schutz. Der Retter kam nun heran zu den Frauen und fragte sie nach ihrem Befinden. Sie antworteten: „Wir danken deinem Fürsten, es geht uns ziemlich wohl; nur sind wir sehr erschrocken. Auch danken wir dir, daß du uns zu Hilfe gekommen bist, denn sonst wären wir überwältigt worden.“

Nachdem sie noch dies und jenes miteinander geredet hatten, sagte der Retter zu ihnen: „Mich wundert sehr, daß ihr, als ihr an der Pforte gastliche Aufnahme fandet, nicht den Herrn um einen Führer gebeten habt, da ihr wußtet, daß ihr nur schwache Frauen seid. Sicherlich würde Er euch einen solchen gewährt haben, und ihr wäret solcher Bedrängnis und Gefahr enthoben gewesen.“

„Ach,“ erwiderte Christin, „wir waren von den gegenwärtigen Segnungen so hingenommen, daß wir der kommenden Gefahr ganz vergaßen[172]. Und wer hätte auch denken sollen, daß so nahe bei des Königs Palast solche Bösewichter lauern könnten? Allerdings haben wir es versäumt, um einen Führer zu bitten; aber da unser Herr wußte, was uns zustoßen konnte, so wundert’s mich, daß Er uns nicht einen solchen mitgegeben hat[173].“