Retter. Es ist nicht immer ratsam, Dinge ungebeten zu gewähren, weil sie hierdurch weniger geschätzt werden. Wenn man aber den Mangel einer Sache empfindet, dann erhält sie in den Augen des Betreffenden den Wert, der ihr gebührt, und wird demgemäß hernach auch angewendet. Hätte mein Herr euch ungebeten einen Führer gewährt, so würdet ihr euer Versäumnis nimmermehr so beklagt haben, wie ihr jetzt dazu Veranlassung findet. Also muß alles zum Guten wirken und dazu dienen, euch künftighin vorsichtiger zu machen.
Christin. Sollen wir nun wieder zu unserm Herrn unsre Torheit bekennen und um einen Führer bitten?
Retter. Das Bekenntnis eurer Torheit will ich Ihm überbringen. Es ist nicht nötig, daß ihr umkehrt, denn ihr werdet nirgends, wo ihr hinkommt, Mangel haben an irgendeinem Gut. In allen Herbergen meines Herrn, die Er zur Aufnahme Seiner Pilger errichtet hat, ist hinreichend für das gesorgt, was sie gegen allerlei Anfechtung ausrüsten kann. Aber Er will, wie gesagt, von ihnen darum gebeten sein, daß Er’s ihnen erzeige (Hes. 36, 37). Und das müßte ja auch ein armseliges Ding sein, welches nicht wert wäre, daß man darum bitte.
Nach diesen Worten schied der Retter von ihnen, und die Pilger setzten ihren Weg fort.
„Welch ein schneller Wechsel ist das!“ hob Barmherzig an. „Ich glaubte uns schon aller Trübsal und Gefahr enthoben.“
Christin. Deine Jugend und Unerfahrenheit, meine Schwester, mag dich entschuldigen; was aber mich betrifft, so ist meine Schuld um so größer, als ich die Gefahr vorausgesehen, ehe ich mein Heim verließ, und ich mich dennoch nicht nach Hilfe umsah, als ich sie haben konnte. Ich bin deshalb sehr zu tadeln.
Barmherzig. Aber wie konntest du darum wissen, als du noch zu Hause warest? Ich bitte dich, löse mir dieses Rätsel?
Christin. Wie ich das erfahren habe, will ich dir erzählen: Bevor ich mich zur Pilgerreise anschickte, hatte ich eines Nachts hiervon einen Traum. Mich dünkte, ich sähe am Fußende meines Bettes zwei Männer stehen, die diesen so ähnlich waren wie ein Ei dem andern. Sie machten Anschläge, wie sie mich um meine Seligkeit bringen könnten. (Dies war gerade zu der Zeit, als ich in meiner Seelenangst war.) Ich will dir ihre eigenen Worte wiederholen. Sie sagten: „Was sollen wir mit diesem Weib anfangen? Denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben.“ Nun siehst du also, wie mich dieser Traum hätte behutsam und vorsichtig machen können.
Barmherzig. Nun, wie wir durch diese Nachlässigkeit unsre Unvollkommenheit zu erkennen Gelegenheit hatten, so hat auch unser Herr daran Anlaß genommen, uns den Reichtum Seiner Gnade zu offenbaren. Denn Er ist uns ja, wie wir sehen, mit unverhoffter Güte nachgegangen und hat uns nach Seinem gnädigen Wohlgefallen errettet aus der Hand derer, die stärker waren als wir.
Unter solchen Gesprächen kamen sie zu einem Haus, das am Weg stand und zur Aufnahme und Erquickung der Pilger erbaut war, wie dies im ersten Teil der Pilgerreise ausführlicher beschrieben ist — nämlich das Haus des Auslegers. Sie traten herzu, und als sie an die Tür kamen, drang lautes Reden an ihr Ohr. Sie horchten darauf und hörten, wie sie meinten, Christins Namen nennen; denn ihr müßt wissen, daß das Gerücht von ihrer und ihrer Kinder Pilgerfahrt ihr schon vorausgegangen war. Und das war den Leuten des Hauses um so angenehmer, weil sie vernommen hatten, daß sie Christs Frau sei, dieselbe, welche noch vor kurzen einen solchen Widerwillen gegen das Pilgerleben hatte, daß sie nicht einmal davon hören mochte. Also standen sie still und hörten den guten Leuten zu, wie sie sie lobten und es nicht im entferntesten ahnten, daß sie vor der Tür stände. Endlich klopfte Christin an, wie sie es an der Pforte getan hatte. Alsbald erschien an der Tür ein junges Mädchen mit Namen Unschuld. Als sie die beiden Frauen draußen stehen sah, fragte sie diese nach ihrem Begehr.