„Sieh dich noch einmal um!“ erwiderte der Ausleger. Sie tat es und sagte dann: „Ich sehe nichts als eine häßliche Spinne, die sich mit den Füßen an der Wand festhält.“ — „Wie?“ fragte er: „Ist denn nur eine Spinne hier in diesem ganzen geräumigen Zimmer?“ Da traten der Christin die Tränen in die Augen — denn sie besaß die Gabe einer schnellen Auffassung — und sie sprach: „Ja, Herr, hier sind mehr denn eine; und es sind Spinnen, deren Gift weit schädlicher wirkt als das, was in jener ist.“ — „Du hast die Wahrheit geredet,“ erwiderte der Ausleger, ihr freundlich zunickend. Barmherzig aber errötete, und die Knaben bedeckten ihre Gesichter, denn sie fingen nun alle an, das Rätsel zu verstehen.
„Die Spinne,“ fuhr der Ausleger fort, „wirkt mit ihren Händen und ist in der Könige Schlössern (Spr. 30, 28). Und dies ist aufgezeichnet, um euch zu zeigen, daß, wie voll von dem Gift der Sünde ihr auch sein mögt, ihr dennoch durch die Hand des Glaubens das beste Zimmer, welches zu des Königs Haus droben gehört, ergreifen und darin wohnen könnt.“
Christin. Ein schwaches Lichtlein ist mir wohl von Anfang darüber aufgegangen, doch in die volle Tiefe der Bedeutung dieser Sache konnte ich noch nicht hineinsehen. Ich dachte, daß wir den Spinnen ähnlich wären und wie häßliche Geschöpfe aussähen, wenn wir auch gleich in den schönsten Gemächern uns befänden. Aber daß wir durch diese Spinne, dieses giftige und widerwärtige Tier, lernen könnten, wie der Glaube wirke, das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Gott hat nichts umsonst gemacht.
Darüber wurden sie alle froh. Noch feuchten Auges schaute eins das andre an, und dann verneigten sie sich vor dem Ausleger.
Er führte sie sodann in ein andres Zimmer, worin eine Henne mit ihren Küchlein war, und er hieß sie diese ein wenig beobachten. Da ging eins von den Küchlein an den Trog, um zu trinken. Und so oft es trank, hob es jedesmal seinen Kopf in die Höhe und seine Augen gen Himmel. „Seht,“ sagte er, „was dies Küchlein tut, und lernet von ihm erkennen, woher all die Gnadengaben kommen, und daß ihr sie mit einem dankenden Aufblick nach oben hinnehmen sollt. — Und nun merket weiter auf!“ Sie nahmen wahr, daß die Henne in einer vierfachen Weise ihre Küchlein zu sich rief: Erstens hatte sie einen allgemeinen gewöhnlichen Ruf, zweitens zuweilen einen besondern Ruf, drittens einen Sammelruf und viertens einen Angst- und Warnungsruf.
„Nun,“ sprach der Ausleger, „vergleicht diese Henne mit einem König und diese Küchlein mit Seinen gehorsamen Untertanen. Wie die Henne hat auch Er Seine Weise, Seinem Volk zu rufen. Durch Seinen allgemeinen Ruf gibt Er nichts; durch Seinen besondern Ruf hat Er allezeit etwas zu geben; Er gibt ein Zeichen, wenn es sich unter Seine Flügel versammeln soll[174], und Er hat auch einen Warnungsruf, wenn Er den Feind kommen sieht. Ich habe euch, meine Geliebten, gerade in dies Zimmer geführt, weil ich erachtete, daß dies Bild für euch leicht faßlich sei.“
„Bitte, lieber Herr,“ sagte Christin, „laß uns noch mehr dergleichen sehen!“
Da brachte er sie ins Schlachthaus, wo ein Fleischer beschäftigt war, ein Schaf zu töten. Und siehe, das Schaf war still und erlitt den Tod geduldig. „Ihr müßt,“ sprach der Ausleger, „von diesem Schaf lernen dulden und Unrecht ohne Murren und Klagen hinzunehmen. Seht, wie es ohne Widerstreben alles mit sich geschehen läßt! Euer König nennt euch Seine Schafe.“
Hierauf nahm er sie mit in seinen Garten, wo eine große Mannigfaltigkeit von Blumen war, und er fragte: „Seht ihr diese Blumen?“ Christin antwortete: „Ja.“ Und er fuhr fort: „Seht, diese Blumen sind verschieden an Gestalt, Art, Farbe, Geruch und Schönheit, einige sind beliebter als die andern; wo aber der Gärtner sie hingepflanzt hat, da stehen sie und hadern nicht untereinander.“
Nun ging er mit ihnen auf sein Feld, welches er mit Weizen und Roggen besät hatte. Als sie aber genauer hinsahen, da waren die Ähren alle abgeschnitten und nur noch die Strohhalme übriggeblieben. „Dieses Land,“ sprach der Ausleger, „war bedüngt, gepflügt und besät worden, was sollen wir aber mit diesen Stoppeln tun?“ — „Verbrenne einen Teil,“ erwiderte Christin, „und das übrige mache zu Dünger!“ Er sagte: „Frucht ist es, wonach euer Auge ausgeschaut hat, und weil sie fehlt, so verurteilt ihr das, was hier steht, zum Feuer und daß es von den Leuten zertreten werde. Sehet zu, daß ihr euch hierdurch nicht selber verdammt!“