Als sie von draußen wieder hereinkamen, da sahen sie ein kleines Rotkehlchen, welches eine große Spinne im Schnabel hatte. „Schaut her!“ rief der Ausleger. Während Barmherzig sich darüber verwunderte, sprach Christin: „Wie unpassend ist das doch für ein so niedliches Vögelein wie das Rotkehlchen, welches sonst vor andern liebt, in einem freundlichen Umgang mit Menschen zu leben. Ich hatte geglaubt, es lebe von Brotkrümchen oder dergleichen mehr. Jetzt liebe ich es nicht mehr so, weil’s das tut.“
„Dies Rotkehlchen,“ belehrte der Ausleger, „ist ein treffendes Bild für gewisse Bekenner des Christentums; sie sind diesem Rotkehlchen gleich mit seiner schönen Stimme, seinem zierlichen Gewand und seiner gefälligen Haltung. Sie scheinen eine große Liebe zu den wahren Bekennern zu haben, sich vor allen andern gern zu ihnen zu gesellen und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, gleich als ob sie von frommer Leute Brosamen leben könnten. Sie geben auch vor, daß sie aus innerm Bedürfnis in den Häusern der Gottseligen verkehren und die Gottesdienste des Herrn besuchen. Wenn sie aber sich selbst überlassen sind, dann können sie wie die Rotkehlchen Spinnen fangen und verschlingen; dann können sie ihre Lebensweise ändern und Unrecht saufen (Hiob 15, 16) und Sünde hinunterschlucken wie Wasser.“
Als sie nun in das Haus getreten waren, bat Christin den Ausleger, ihnen noch irgend etwas Nützliches zu zeigen oder zu sagen, bis man zum Essen rufen würde. Da hob er also an und sprach:
„Je fetter das Schwein ist, desto mehr verlangt es nach dem Kot; je fetter der Ochse, desto williger geht er zur Schlachtbank, und je wohlbehaglicher der lüsterne Mensch sich fühlt, desto mehr ist er zum Bösen geneigt.
Es ist ein Verlangen im weiblichen Geschlecht, nett und zierlich gekleidet einherzugehen; ein köstlich Ding ist aber allein das, mit dem geschmückt zu sein, was vor Gott köstlich ist.
Es ist leichter, ein oder zwei Nächte hindurch zu wachen als ein ganzes Jahr lang; gleich also ist es leichter, mit einem guten Bekenntnis seinen Anfang zu machen, als Treue zu halten bis ans Ende.
Ein Schiffsherr läßt im Sturm willig alles Entbehrliche über Bord werfen; wer aber wird wohl das Beste zuerst hinauswerfen? Nur der, welcher Gott nicht fürchtet.
Durch ein Leck kann das Schiff zum Sinken kommen, und eine einzige Sünde kann den Sünder verderben.
Wer seines Freundes vergißt, der ist undankbar gegen ihn; wer aber seines Erlösers vergißt, der ist unbarmherzig gegen sich selber.
Wer in Sünden lebt und auf die ewige Seligkeit hofft, der ist gleich dem, der Unkraut sät und gedenkt, seine Scheune mit Weizen oder Gerste zu füllen.