Evangelist. Und was sagte er darauf?
Christ. Er empfahl mir, in aller Eile mich meiner Bürde zu entledigen. Ich erwiderte, daß es eben das wäre, was ich suchte, und eben darum sei ich auf dem Weg nach jener Pforte, um dort weiter unterwiesen zu werden, wie ich zu dem Ort meiner Erlösung kommen könnte. Er sagte mir, daß er mir einen bessern Weg zeigen wolle, der auch kürzer sei und nicht mit so viel Mühsalen verbunden wie der, welchen du mir gewiesen. Der Weg würde mich zu dem Hause eines Herrn bringen, der es verstände, solche Lasten abzunehmen. Ich glaubte ihm und wandte mich von jenem Weg ab auf diesen, damit ich vielleicht desto eher von meiner Bürde könnte befreit werden. Als ich aber hierher kam und die Dinge sah, wie sie wirklich sind, stand ich bestürzt still vor der Gefahr, die mir drohte. Nun aber weiß ich nicht, was ich tun soll.
Da sprach der Evangelist: „Bleib einen Augenblick stehen, damit ich dir Gottes Wort kundtun kann.“ Zitternd blieb Christ stehen, und der Evangelist sagte: „Sehet zu, daß ihr den nicht abweiset, der da redet. Denn so jene nicht entflohen sind, die Ihn abwiesen, da Er auf Erden redete, viel weniger wir, so wir den abweisen, der vom Himmel redet“ (Hebr. 12, 25). Weiter sprach er: „Der Gerechte wird des Glaubens leben. Wer aber weichen wird, an dem wird Meine Seele kein Gefallen haben“ (Hebr. 10, 38). Er wendete dies auch sofort an und sagte: „Du bist der Mann, der in dies Elend hineinrennt; du hast angefangen, den Rat des Allerhöchsten zu verwerfen und deinen Fuß abzuwenden vom Pfad des Friedens und dies sogar auf die Gefahr hin, ewig zu verderben.“
„Weh mir!“ rief Christ, „ich bin verloren!“ und wie tot fiel er zu Boden. Aber der Evangelist, da er das sah, griff ihn bei seiner rechten Hand und sprach: „Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben (Matth. 12, 31) und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh. 20, 27). Diese Worte riefen Christ ins Leben zurück; zitternd richtete er sich auf, und der Evangelist fuhr fort:
Gib nun mit größerm Ernst acht auf das, was ich dir jetzt sage. Ich will dir auch sagen, wer der war, der dich verführte, und wer der ist, zu dem er dich sandte. Der Mann, der dir begegnete, heißt Weltklug und ist mit Recht also genannt, und zwar weil seine Lippen nur die Lehren dieser Welt verkündigen[28], wie er sich deshalb auch zu der Kirche der Stadt Sittsamkeit oder Moral hält; und ferner, weil er jene Lehren allen andern vorzieht, da sie ihm nicht das Kreuz auferlegen[29], und weil er fleischlich ist, sucht er meine Wege, obgleich sie recht sind, zu verkehren. — Was den Rat dieses Mannes betrifft, so sind darin drei Stücke, die du gänzlich verwerfen mußt:
Erstlich mußt du seinen Rat verwerfen, dadurch er dich von dem Weg abbrachte, auf den ich dich geführt hatte; auch deine eigene Einwilligung in diesen Rat mußt du verabscheuen, denn das heißt den Rat Gottes verwerfen, und das um eines Weltweisen willen. Der Herr spricht: „Ringet danach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet!“ (Luk. 13, 24), die Pforte nämlich, dahin ich dich sende; „denn die Pforte ist eng, die zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die sie finden“ (Matth. 7, 14). Von dieser engen Pforte und dem Weg, der dahin führt, hat dieser gottlose Mensch dich abwendig gemacht und dich beinahe ins Verderben gebracht; laß dir’s daher herzlich leid sein, daß du dich von ihm hast verleiten lassen, und verabscheue dich selbst, ihm Gehör gegeben zu haben.
Zum andern mußt du auch darum seinen Rat verwerfen, weil er bemüht war, dir das Kreuz verhaßt zu machen[30], das du doch höher zu achten hast als alle Schätze Ägyptens[31]; denn der König der Herrlichkeit spricht: „Wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren“ (Mark. 8, 34. 35) und: „So jemand zu Mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht Mein Jünger sein“ (Luk. 14, 26; vgl. Joh. 12, 25; Matth. 10, 37-39). Deshalb sage ich dir: Wenn dich jemand bereden will, daß das dein Tod sei, was, wie die Wahrheit selber spricht, dein ewiges Leben sein wird, so mußt du eine solche Lehre verwerfen.
Zum dritten mußt du es verabscheuen, daß er deinen Fuß auf einen Weg lenkte, der zur Knechtschaft des Todes führt, und mußt bedenken, zu wem er dich sandte, und wie unvermögend derselbe ist, dir deine Bürde abzunehmen.
Der Mann, zu dem er dich gesandt, Erleichterung zu erlangen, heißt Gesetzlich; er ist der Sohn der Sklavin oder Magd, die nun dienstbar ist mit ihren Kindern (lies Gal. 4, 21-27), und bedeutet auf eine geheimnisvolle Weise den Berg Sinai, von dem du gefürchtet hast, er werde dir aufs Haupt fallen. So sie nun mit ihren Kindern dienstbar ist, wie kannst du erwarten, durch sie frei zu werden? Dieser Gesetzlich ist nicht imstande, dich von deiner Last zu erlösen. Es ist noch niemals ein Mensch durch ihn von seiner Last befreit worden, und es wird auch nimmermehr geschehen; denn durch des Gesetzes Werk kann keiner seiner Last loswerden[32]. Darum ist Herr Weltklug der Wahrheit fern und Herr Gesetzlich ein Betrüger, und sein Sohn Höflich ist, so freundlich er sich auch gibt, ein Heuchler und kann dir nicht helfen. Glaube mir, hinter all der Prahlerei jener törichten Leute liegt nichts andres als die Absicht, dich um dein Heil zu bringen, indem sie dich von dem rechten Weg ableiten, auf welchen ich dich gebracht habe.
Nach diesen Worten erhob der Evangelist seine Stimme und rief den Himmel zur Bekräftigung und zum Zeugen dessen an, was er gesagt hatte, und alsbald kam eine Stimme und Feuer aus dem Berge, unter dem der arme Christ stand, heraus, daß ihm die Haare zu Berg standen. Die Stimme aber redete also: „Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alledem, das geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er’s tue!“ (Gal. 3, 10.)