Mutherz. Vater Redlich, hast du nicht auch einen gewissen Herrn Ängstlich gekannt, der aus deiner Gegend auf die Pilgerschaft gezogen ist?

Redlich. Ja, ich kannte ihn sehr wohl. Er war ein Mann, der das eine besaß, das not tut; aber er war einer der ängstlichsten Pilger, die ich je in meinem Leben getroffen habe.

Mutherz. Ich merke wohl, du kennst ihn, denn du hast ihn ganz richtig geschildert.

Redlich. Wie sollte ich ihn nicht kennen? Ich bin lange Zeit sein Gefährte gewesen, und wir sind ein gutes Stück Weges miteinander gepilgert. Schon in den ersten Anfängen seines neuen Lebens hatte ich Umgang mit ihm.

Mutherz. Und ich war sein Führer von meines Herrn Hause bis an die Tore der himmlischen Stadt.

Redlich. Nun, dann kann dir seine allzu große Ängstlichkeit nicht verborgen geblieben sein.

Mutherz. Ich weiß es. Ich habe ihn dessenungeachtet doch recht liebgewonnen; denn Leuten meines Berufs wird des öftern die Führung solcher Seelen anvertraut.

Redlich. Nun denn, so laß uns doch etwas hören von ihm, wie er auf seiner Pilgerfahrt durchgekommen ist.

Mutherz. Ach, er war immer in Angst, daß er das Ziel seiner Sehnsucht nicht erreichen möchte. Jede Kunde von bevorstehenden Hindernissen und Gefahren, die an sein Ohr drang, versetzte ihn in nicht geringen Schrecken. Umkehren wollte er dennoch um keinen Preis. „Lieber tot als ungetreu,“ konnte man ihn oft sagen hören, und doch war er mutlos bei jeglicher Schwierigkeit und stolperte über jeden Strohhalm, der auf dem Weg lag. Bei dem Sumpf der Verzagtheit soll er über einen Monat jammernd auf und ab gegangen sein, ehe er es wagte, seinen Fuß hineinzusetzen, obwohl mehrere der vorübergehenden Pilger ihm dazu hilfreiche Hand boten. Dann auf einmal, es war an einem sonnigen Morgen, nahm er einen Anlauf und kam, ich weiß nicht wie, glücklich hinüber. Es war auch ihm selber wie ein Wunder. Ich glaube, er hatte eben solch einen Sumpf der Verzagtheit in seinem Herzen, sonst hätte es anders um ihn stehen müssen. So kam er denn an die Pforte, die am Eingang dieses Weges ist, und auch da währte es eine geraume Zeit, bis er den Mut fand, anzuklopfen. Als sich die Pforte öffnete, trat er zurück und machte andern Platz, die nach ihm angekommen waren, weil er sich unwürdig achtete, einzutreten. Zitternd und zagend stand der arme Mann da — ein Bild des Erbarmens! Zurückgehen wollte er natürlich nicht. Endlich faßte er sich ein Herz, schlug mit dem Klöpfel, der an der Tür hing, ein- oder zweimal sachte an. Alsbald ward ihm geöffnet, aber er bebte zurück wie zuvor. „Du Zitternder, was begehrst du?“ fragte der Torwächter. Ängstlich fiel zur Erde nieder. Jener, da er den armen Mann in so großer Schwachheit fand, sprach: „Friede sei mit dir! Steh auf, die Pforte ist offen; komm herein, du bist ein Gesegneter des Herrn!“ Nur langsam erhob er sich, und zitternd trat er ein, wagte es jedoch lange nicht, seine Augen aufzuheben. Freundlich ward er aufgenommen und bewirtet, und man wies ihm den Weg, den er nun nehmen sollte. So kam er denn an das Haus meines Herrn, des Auslegers. Wie bei der engen Pforte, so machte er es auch hier wieder. Er fürchtete sich anzuklopfen, und doch wollte er nimmermehr umkehren. Trotz der kalten Nächte schlich er eine lange Zeit um das Haus herum und stand in Gefahr, vor Hunger und Kälte zu verderben. Überdies hatte er ein dringendes Empfehlungsschreiben an meinen Herrn in der Tasche, daß er ihn aufnehmen und ihm alle Erquickung und Tröstung des Hauses zukommen lasse und ihm auch einen tüchtigen und beherzten Führer mitgeben möchte, weil er selber nicht mehr Herz habe als ein Küchlein. Ja, so groß war seine Niedergeschlagenheit, daß er, obschon er mehrere andre anklopfen und hineingehen sah, selbst es dennoch nicht zu tun wagte. Endlich gewahrte ich von meinem Fenster aus einen Menschen vor der Tür auf und ab gehen. Ich trat zu ihm hinaus und fragte, wer er wäre. Aber, der arme Mann! Die Tränen standen ihm in den Augen, und so entdeckte ich denn die Ursache seines Kummers. Als mein Herr dies erfuhr, gab er mir den Auftrag, den Mann hereinzuführen; allein ich muß gestehen, daß es mir schwer wurde, ihn dazuzubringen. Indessen gelang es mir doch, und mein Herr nahm sich seiner mit der größten Liebe an. Von all den guten Gerichten, die noch von der Tafel übrig waren, ward ihm auf einem Teller vorgesetzt. Hierauf überreichte er meinem Herrn sein Empfehlungsschreiben. Als dieser es gelesen, ward ihm die Erfüllung seiner Bitte zugesagt. Während seines Aufenthaltes bei uns schien er wieder ein wenig Herz zu fassen und zuversichtlicher zu werden; denn mein Herr, das mußt du wissen, hat ein besonders großes herzliches Erbarmen gegen die Verzagten und tut alles, um ihnen Mut zu machen. Nachdem ihm nun alle Merkwürdigkeiten des Ortes gezeigt worden waren und er sich bereit machte, seine Reise nach der himmlischen Stadt fortzusetzen, gab ihm mein Herr, wie er es einstmals Christ getan, eine Flasche mit stärkendem Getränk und einige Erfrischungen mit auf den Weg. So zogen wir aus, und ich ging vor ihm her; allein der Mann war einer von wenig Worten, nur seufzte er oft laut auf.

Bald erreichten wir den Ort, wo die drei Bösewichter hingen; da sprach er die Befürchtung aus, daß es auch mit ihm ein solches Ende nehmen werde. Nur da schien er froh zu sein, als er das Kreuz und das Grab erblickte. Hier wünschte er ein wenig zu verweilen, um diese Stätte anzuschauen, und darauf erhellte sich sein Angesicht ein wenig. Bei dem Berg der Beschwerde machte es mit ihm gar keine Schwierigkeiten, er fürchtete sich auch nicht vor den Löwen; denn du mußt wissen, daß er sich weniger über dergleichen Dinge ängstigte, sondern seine größte Sorge war die, ob er auch zuletzt werde in Gnaden angenommen.