Im Palast Prachtvoll machte ich ihn mit allen Gliedern des Hauses bekannt; allein er war zu schüchtern, sich in ihre Gesellschaft zu begeben, und suchte lieber die Einsamkeit auf. Nichtsdestoweniger boten ihm erbauliche Gespräche hohen Genuß, und oft stellte er sich hinter einen Vorhang, um unbemerkt zuzuhören. Auch an altertümlichen Sachen hatte er großes Gefallen und sann gern bei sich darüber nach. Späterhin gestand er mir, er wäre an der engen Pforte und im Hause des Auslegers gern ein wenig länger geblieben, doch habe er nicht den Mut gehabt, diese Bitte auszusprechen.

Der Abstieg vom Berg in das Tal der Demut vollzog sich bei ihm mit der größten Leichtigkeit, wie ich es kaum je mit einem andern erlebt habe; denn er fragte nichts danach, wie tief es hinabginge, wenn er nur zuletzt selig würde. Ja, ich glaube, zwischen ihm und diesem Tal bestand eine ganz besondere Übereinstimmung, sah man ihn doch auf der ganzen Pilgerreise nie fröhlicher einhergehen als hier. Er warf sich da nieder, als wollte er den Erdboden umschlingen, und küßte selbst die Blumen, die darauf wachsen[200]. Jeden Morgen stand er schon bei Tagesanbruch auf, um talauf und talab zu wandern.

Am Eingang des Tales der Todesschatten aber, da schien es, als sollte ich um meinen Mann kommen. Nicht daß er irgendwelche Neigung gehabt hätte umzukehren, davor hatte er immer einen Abscheu, sondern eine wahre Todesangst bemächtigte sich seiner. „O die Kobolde, die Kobolde, sie wollen mich ergreifen!“ schrie er einmal über das andre; und es gelang mir nicht, es ihm auszureden. Er erhob ein solches Zetergeschrei, daß zu befürchten war, das ganze höllische Heer könnte sich darob versammeln, um uns zu überfallen. Wunderbarerweise blieb alles ruhig, als wir hindurchzogen, wie nie zuvor oder seitdem es gewesen ist. Ja, unser Herr hielt die Feinde zurück, daß sie sich nicht regen durften, bis Herr Ängstlich hindurch wäre.

Es würde zu weit führen, wollte ich dir alle Einzelheiten der Reise nach erzählen, einen oder zwei Vorfälle nur will ich noch erwähnen. Als wir auf den Eitelkeitsmarkt kamen, meinte ich, er wolle mit allen Leuten auf dem Markt anbinden; ich besorgte, man würde uns beiden die Köpfe zerschlagen, so eifrig trat er gegen ihre Torheiten auf. In dem bezauberten Grund war er sehr wachsam. Als er aber den Fluß erreichte über den keine Brücke führt, da war er wieder in schweren Ängsten. „Jetzt, ach, nun muß ich in die Tiefe versinken,“ jammerte er, „ich werde mich nie an dem Angesicht des Herrn erquicken dürfen, um dessentwillen ich diesen weiten Weg zurückgelegt habe!“

Eben hier erlebte ich wieder etwas Seltsames. Der Wasserstand war gerade zu dieser Zeit so niedrig, wie ich es sonst noch nie angetroffen habe. So kam er denn hinüber, wobei das Wasser ihm nicht viel höher als über die Schuhe ging. Als er nach der Pforte der himmlischen Stadt hinanstieg, nahm ich Abschied von ihm und wünschte ihm eine gute Aufnahme droben. Er sprach: „Amen, amen.“ Noch einmal winkte ich ihm zu, und bald war er meinen Blicken entschwunden.

Redlich. So ist es ihm am Ende doch noch gut ergangen.

Mutherz. Daß es mit ihm noch gut werden würde, daran hegte ich nie einen Zweifel. Er war ein Mann von ungewöhnlich himmlischer Gesinnung; nur war er immer niedergedrückt, und das machte ihm sein Leben so mühsam und andern beschwerlich (Ps. 88). Seine tiefe Abscheu vor der Sünde war wirklich vorbildlich, und er fürchtete sich so sehr davor, jemand Unrecht zu tun, daß er sich oft Erlaubtes versagte, damit er nur niemand Anstoß gäbe[201].

Redlich. Aber was mochte wohl die Ursache davon sein, daß ein so frommer Mann sein ganzes Leben hindurch in solcher Dunkelheit wandeln mußte?

Mutherz. Der Ursachen mögen verschiedene sein. Eine ist, daß es der weise Gott so haben wollte. Die einen müssen pfeifen, die andern klagen (Matth. 11, 16. 17). So war nun Ängstlich einer, der den Baß spielen mußte. Er und seinesgleichen blasen die Baßposaunen, deren Töne tiefer klingen als die andrer Musikinstrumente, wiewohl manche sagen, der Baß sei der Grundton in der Musik. Ich meinerseits kann ebenfalls eine Bekehrung nicht als echt anerkennen, die nicht mit einer Traurigkeit des Herzens beginnt[202]. Die erste Saite, die der Musiker beim Spielen seines Instruments berührt, ist die Baßsaite. So rührt Gott auch diese Saite zuerst, wenn die Seele Ihm wohlgefällig erklingen soll. Es lag aber hier nur an der Unvollkommenheit des Herrn Ängstlich, daß er bis an sein Ende keinen andern Ton als diesen anzuschlagen wußte.

(Ich habe mich dieser bildlichen Sprache bedient, um besonders jugendliche Leser dadurch zum Nachdenken zu veranlassen. Auch im Buch der Offenbarung, Kapitel 14, 2. 3, lesen wir, wie die Erlösten gleich einem Chor von Sängern ihre Loblieder vor dem Thron singen und auf ihren Harfen spielen.)