Rechtschaffen. Wie man aus deinem Bericht entnehmen kann, war Herr Ängstlich dennoch kein Feigling. Schwierigkeiten, Löwen und den Markt der Eitelkeit fürchtete er gar nicht; nur Sünde, Tod, Hölle waren die Dinge, die ihn schreckten, weil er noch einige Zweifel über seine Aufnahme in der himmlischen Stadt hegte.

Mutherz. Du hast recht. Seine Angst rührte von einer Gemütsschwachheit her, keineswegs von Schwäche seines Geistes, wie dies sein frommer Pilgerwandel hinlänglich bewies. Für seinen Herrn wäre er, wie man zu sagen pflegt, durchs Feuer gegangen. Aber was ihn bedrückte, hat noch niemand so leicht abschütteln können.

Christin. Deine Mitteilungen über Herrn Ängstlich haben mir sehr wohl getan. Ich habe bisher gemeint, es ginge niemand so wie mir; nun aber sehe ich, daß der Lebensgang dieses frommen Mannes mit dem meinen manche Ähnlichkeit hat. Darin sind wir allerdings verschieden, daß seine Beängstigungen zum Ausbruch kamen, während ich sie bei mir verschlossen hielt. Er war so niedergeschlagen, daß er es nicht einmal wagte, an den zum Aufenthalt der Pilger eigens bestimmten Häusern anzuklopfen, während die Sorge um mein Seelenheil mich hierin um so kühner machte.

Barmherzig. Wenn ich gleichfalls mitreden darf, so muß ich bekennen, daß dergleichen Beängstigungen sich auch bei mir finden. Der Gedanke an den Feuersee oder an die Möglichkeit, vom Herrn ausgestoßen zu werden, hat mich mehr in Schrecken versetzt als irgend etwas andres. O, dachte ich, wenn ich im Paradies eine Wohnstätte erhalte, so will ich für dieses Glück gern eine ganze Welt darangeben!

Matthäus. Mich hat ebensolche Furcht auf den Gedanken gebracht, daß ich weit entfernt sei von dem, was zu unsrer Seligkeit gehört. Wenn es aber mit diesem frommen Mann so stand, warum sollte es dann nicht auch mit mir gut gehen?

„Wo diese Furcht fehlt, da ist auch keine Gnade[203],“ sagte Jakob. „Obgleich die Furcht vor der Hölle noch keine Gnade in sich schließt, so ist doch das gewiß, daß da keine Gnade ist, wo keine Furcht Gottes ist.“

Mutherz. Du hast das Richtige getroffen, Jakob; denn die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang, und das ist gewiß: Wo kein Anfang ist, da ist auch kein Fortgang und kein Ziel. Doch wir wollen hier unser Gespräch über Herrn Ängstlich abbrechen.

Daß ich Dein auf ewig sei, sei die größte meiner Sorgen,

Daß ich einst verklärt und frei steh’ am Auferstehungsmorgen,

Diese Bitte, dieser Sinn nehme mich, o Jesus, hin!