Mutherz. Die Frau ist die Gattin von Christ, einem frühern Pilger, und dies sind ihre vier Kinder. Die Jungfrau ist eine Bekannte von ihr, die sich ihr angeschlossen hat. Die Knaben arten alle ihrem Vater nach und suchen in seine Fußstapfen zu treten, wo sie nur irgendeine Spur von ihm entdecken können. Und wo der alte Pilger ausgeruht hat, da wünschen auch sie eine Weile zu rasten.

Gajus. Das ist also Christs Frau und dies seine Kinder? Ich kannte schon deines Mannes Vater, ja dessen Großvater. Viele fromme und sehr würdige Männer sind diesem Geschlecht entsprossen, ihre Vorfahren wohnten zuerst in Antiochia[207]; ich denke, dein Mann wird dir wohl von ihnen erzählt haben. Ihrer etliche haben sich durch ihren gottgefälligen Wandel und ihr mutiges Bekenntnis, wo es galt, die Sache ihres Herrn und Seines Volkes zu vertreten, besonders hervorgetan. Ich habe von vielen Verwandten deines Mannes gehört, die um der Wahrheit willen unzählige Martern erduldet haben. Stephanus, einer der ersten aus der Familie, aus welcher dein Mann stammt, ward gesteinigt (Apostelg. 7). Jakobus, ein andrer dieses Geschlechts, ward mit dem Schwert enthauptet (Apostelg. 12, 2). Petrus und Paulus stammen ebenfalls von dieser Linie ab; so waren unter den Vorfahren deines Mannes Ignatius, der den wilden Tieren vorgeworfen ward; Romanus, der, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten, auf dem Marterstock erdrosselt ward; Polykarp, der seine Liebe zum Herrn auf dem Scheiterhaufen besiegelte. Einer ward in einem Korb an die Sonne gehängt, daß ihn die Wespen verzehren sollten; ein andrer in einem Sack ins Meer geworfen, um ertränkt zu werden. Es wäre ganz unmöglich, alle Glieder dieses Geschlechts aufzuzählen, die um ihres Glaubens willen Schmach oder gar den Tod erlitten hatten. Daher kann ich mich nur darüber freuen, daß dein Mann vier solch wackere Knaben hinterlassen hat. Ich hoffe, sie werden den Namen ihres Vaters aufrechterhalten, in seine Fußstapfen treten und wie er bis ans Ende beharren.

Mutherz. Es sind in der Tat hoffnungsvolle Knaben, und sie scheinen ihres Vaters Wege von Herzen zu erwählen.

Gajus. Das ist’s, was ich meine, und deshalb wünsche ich, daß Christs Familie sich ausbreite und vermehre und zahlreich werde auf dem ganzen Erdenrund. Darum möge sich Christin für ihre Söhne beizeiten nach Frauen umsehen, damit dieses edle Geschlecht der Welt erhalten bleibt.

Redlich. Wahrlich, es wäre schade, wenn dieses Geschlecht ausstürbe!

Gajus. Aussterben kann es nicht, wohl aber vermindert werden; darum folge Christin meinem Rat!

An Christin sich wendend, sprach er: „Es freut mich, dich und deine Freundin Barmherzig zusammen hier zu sehen; ihr seid mir ein liebes Schwesternpaar. Und wenn ich raten darf, so nimm Barmherzig in deine nähere Verwandtschaft auf. Will sie es, so laß sie Matthäus, deinem ältesten Sohn, gegeben werden; so erhältst du dir eine Nachkommenschaft auf Erden.“

Also ward diese Heirat beschlossen und späterhin vollzogen.

Gajus fuhr fort: „Ich will nun ein Wort zum Besten der Frauen reden, um ihre Schmach von ihnen zu nehmen. Allerdings sind Tod und Fluch durch eine Frau in die Welt gekommen (1. Mos. 3), aber auch Leben und Heil; denn als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott Seinen Sohn, der von einem Weib geboren ward (Gal. 4, 4). Ja, um zu beweisen, wie sehr Evas Töchter die Tat ihrer Mutter verabscheuten, so ist dieses Geschlecht im Alten Bund nach Kindern sehr begierig gewesen in der Hoffnung, daß diese oder jene vielleicht die Gnade erlangte, die Mutter des Heilands der Welt zu werden. Und als der Heiland erschien, wie hoch haben sich da zuerst Frauen vor andern gefreut! (Luk. 1, 42-50.) Ich lese nirgends, daß ein einziger Mann Christus aus seinen Mitteln auch nur durch einen Pfennig unterstützt hätte; aber etliche Frauen, die Ihm nachfolgten, taten Ihm Handreichung von ihrer Habe (Luk. 8, 2. 3). Eine Frau war es, die Seine Füße mit ihren Tränen benetzte (Luk. 7, 37-50). Eine Frau war es auch, die Seinen Leib zu Seinem Begräbnis salbte (Joh. 12, 1-8). Es waren Frauen, die um Ihn trauerten und klagten, als Er nach Golgatha hingeführt ward (Luk. 23, 27); Frauen, die zugegen waren, als Er vom Kreuz abgenommen ward, und die bei dem Grab saßen, darein man Ihn gelegt hatte (Matth. 27, 61). Wiederum waren es Frauen, die an Seinem Auferstehungsmorgen zum Grab gingen (Luk. 24, 1) und die den Jüngern die Nachricht brachten, daß Er von den Toten auferstanden wäre (Luk. 24, 22. 23). Also haben die Frauen große Gnade empfangen, als die auch Miterben sind der Gnade des Lebens“ (1. Petr. 3, 7).

Nun ließ der Koch sagen, das Essen sei gleich bereit, und schickte einen, der den Tisch decken, Teller zutragen, sowie Salz und Brot auflegen sollte.