Die Wege sind oft krumm und doch gerad,

Darauf Du läßt die Kinder zu Dir gehn;

Da pflegt’s oft wunderseltsam auszusehn;

Doch triumphiert zuletzt Dein hoher Rat.

Um diese Zeit wurden Matthäus und Barmherzig verheiratet; auch gab Gajus dem Jakob, Matthäus’ Bruder, seine Tochter Phöbe zur Frau. Sie blieben hierauf noch etwa zehn Tage in diesem gastlichen Haus, indem sie ihre Zeit nach Pilgerweise treu auskauften.

Als nun die Stunde des Abschieds nahte, machte ihnen Gajus ein Mahl, und sie aßen und tranken und waren fröhlich. Danach trat Mutherz zu dem Wirt und forderte die Rechnung. Aber Gajus erwiderte, daß alle Pilger in seinem Hause jahraus, jahrein unentgeltliche Aufnahme fänden; eine Vergütung dafür erhalte er von dem barmherzigen Samariter, der ihm versprochen hätte, bei Seiner Rückkehr alle Auslagen treulich zu bezahlen (Luk. 10, 35).

Da sprach Mutherz zu ihm: „Mein Lieber, du tust treulich, was du tust an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeugt haben vor der Gemeinde; und du wirst wohl tun, wenn du sie abfertigst würdig vor Gott“ (3. Joh. 5. 6). Darauf nahm Gajus Abschied von ihnen allen und von seiner Tochter und insbesondere noch von Kleinmütig. Er gab ihm auch ein Fläschchen mit einem stärkenden Getränk mit auf den Weg. Als sie nun zur Tür hinaustraten, stellte sich Kleinmütig, als wollte er zurückbleiben. Dies wahrnehmend, rief Mutherz ihm ermunternd zu: „Komm, lieber Freund, geh doch mit uns; ich will dein Führer sein, und es soll dir ebensowenig an etwas gebrechen wie den andern.“

Kleinmütig. Ach, ich muß einen Begleiter haben, der zu mir paßt. Ihr seid alle rüstig und stark, ich aber muß sehr behutsam vorgehen. Daher möchte ich lieber hinten nachkommen, damit ich nicht wegen meiner vielen Gebrechlichkeiten mir und euch zur Last werde. Ich bin, wie schon gesagt, ein Mann von schwachem Geist und werde leicht irre und nehme Anstoß an dem, was andre ertragen können. Ich kann kein Lachen hören. Ich habe kein Gefallen an Schmuckgegenständen. Unersprießliche Fragen kann ich nicht leiden. Ja, ich bin so schwach, daß ich mich selbst an dem stoße, was andre Freiheit haben zu tun. Ich habe noch keine völlige Erkenntnis der Wahrheit, ich bin ein sehr unwissender Christ. Oftmals, wenn ich vernehme, wie sich andre freuen in dem Herrn, werde ich dadurch sehr niedergeschlagen, weil ich es nicht also kann. Es geht mir wie einem Schwachen unter den Starken, wie einem Kranken unter den Gesunden und wie einem verachteten Lichtlein (Hiob 12, 4. 5); denn so ist der, dessen Füße gleiten wollen, in den Augen dessen, der sicher steht, so daß ich nicht weiß, was ich anfangen soll.

Mutherz. Aber, lieber Bruder, es ist meine Pflicht, die Kleinmütigen zu trösten und die Schwachen zu tragen (1. Thess. 5, 14). Du mußt durchaus mit uns gehen[217], wir wollen auf dich warten, wir wollen dir hilfreich die Hand bieten[218]; wir wollen uns alles dessen entschlagen, sei es in Worten oder Werken, was dir Ärgernis geben könnte[219]; wir wollen uns in deiner Gegenwart auf keine strittigen Fragen und Erörterungen einlassen, wir wollen uns dir lieber soviel als möglich anpassen, als daß wir dich zurücklassen sollten[220].

Mutherz und Kleinmütig standen immer noch in eifrigem Gespräch vor dem Gasthaus, da kam geradeswegs Herr Hinkfuß vorbei, mit seinen Krücken in der Hand, der gleichfalls die Pilgerschaft angetreten hatte.