Bußfertig. Wohl ist es Christ und Getreu in dieser Stadt übel ergangen, doch müssen wir sagen, daß die Leute in der letzten Zeit viel gemäßigter sind. Mir scheint, das Blut von Getreu lastet noch schwer auf ihrem Gewissen; denn seitdem sie ihn verbrannt haben, schämen sie sich solchen Tuns. In jenen Tagen hätte es keiner von uns wagen dürfen, über die Straße zu gehen; aber jetzt können wir uns überall sehen lassen. Damals war der Name eines Bekenners verhaßt, jetzt aber wird in gewissen Stadtteilen die Religion wieder in Ehren gehalten. — Doch, wie geht es euch denn auf eurer Pilgerfahrt? Wie ist man im Land gegen euch gesinnt?

Redlich. Uns geht es, wie es Pilgern zu gehen pflegt. Wir wandern eben durch dick und dünn. Bald geht’s bergauf, bald bergab, und wir wissen nie, was morgen sein wird. Der Wind ist uns nicht allezeit im Rücken, und nicht jedermann ist uns gut Freund, der uns auf dem Weg begegnet. Wir haben schon manche schwere Anfechtung zu bestehen gehabt; und wer weiß, was unser noch wartet? Die Wahrheit des alten Spruches: „Der Gerechte muß viel leiden“ (Ps. 34, 20) hat sich auf unserm Weg schon reichlich bestätigt.

Bußfertig. In was für Anfechtungen seid ihr denn gekommen?

Redlich. Herr Mutherz, unser Führer, wird euch darüber am besten Auskunft geben können.

Mutherz. Wir sind schon drei- oder viermal angegriffen worden. Zuerst wurden Christin und ihre Kinder von zwei Bösewichtern überfallen, die ihnen nach dem Leben trachteten. Hernach bekamen wir es mit drei Riesen zu tun: Blutdurst, Hammer und Tugendfeind. Den letztern zwar überfielen wir vielmehr als er uns. Das geschah während der Zeit, als wir in dem Hause des Gajus weilten; da entschlossen wir uns, einmal unsre Waffen an einem der berüchtigtsten Feinde der Pilger zu erproben, der sich in jener Gegend umhertrieb. Gajus kannte sein Versteck. Als wir endlich den Eingang zu seiner Höhle entdeckt hatten, wurden wir froh und ermannten uns; wir traten alsbald hinzu, und siehe, da fanden wir den armen Kleinmütig in seiner Gewalt und dem Tode geweiht. Sobald er uns sah, ließ er von seinem Opfer ab und kam heraus in der Erwartung, einen andern Raub zu erhaschen. Wir fielen nun mit aller Macht über ihn her, brachten ihn schließlich zu Fall und hieben ihm den Kopf ab. Diesen steckten wir neben dem Weg auf zum abschreckenden Beispiel für alle seinesgleichen. Dies ist die Wahrheit, und hier ist der Mann selbst, der sie bezeugen kann; er war wie ein Lamm, das aus dem Rachen der Löwen gerissen wird.

„Ja,“ bestätigte Kleinmütig, „so habe ich es empfunden, zu meinem Schrecken und zu meinem Trost: Zu meinem Schrecken, als er drohte, mich zu zerfleischen; zu meinem Trost, als ich Mutherz und seine Freunde mit ihren Waffen zu meiner Befreiung herankommen sah.“

„Zwei Dinge sind’s,“ sagte hierauf Herr Heilig, „welche diejenigen vornehmlich haben müssen, die die Pilgerschaft antreten wollen, einen Heldenmut und ein unsträfliches Leben. Verlieren sie den Mut, so können sie nicht bis ans Ende beharren, und ist ihr Wandel befleckt, so machen sie den Namen eines Pilgers stinkend.“

Frommhold. Nun, ich hoffe, dieser Mahnung bedarf es bei euch nicht. Aber es sind ihrer wahrlich viele auf der Pilgerstraße, die sich mehr zu der Erde als zu der himmlischen Heimat hingezogen fühlen.

Lügenscheu. Es ist wahr, sie haben weder Pilgertracht noch Pilgermut; sie wandeln nicht aufrecht, sondern mit verschränkten Beinen, mit unsauberem und zerrissenem Kleid gehen sie einher. Das alles gereicht ihrem Herrn zur Unehre.

„Darüber,“ sprach Herr Reumütig, „sollten sie tief betrübt sein; denn ein Pilger kann weder für sich noch für seine Reise der Gnade, die er doch begehrt, gewiß sein, solange er nicht von solchen Makeln und Flecken gereinigt ist.“