Sie kamen auch an einen Ort, wo sie zwei Männer damit beschäftigt fanden, einen Mohren zu waschen, daß er weiß würde. Der eine dieser Männer hieß Tor, der andre Unklug. Je mehr sie ihn aber wuschen, desto schwärzer ward er. „So geht es mit einem schlechten Menschen,“ belehrten die Hirten. „Alle Mittel, die man anwendet, einem solchen einen guten Namen zu verschaffen, werden nur dahin ausschlagen, daß seine Schlechtigkeit um so deutlicher an den Tag kommt. So ging’s den Pharisäern, und ebenso wird’s allen Heuchlern ergehen.“

„Mutter,“ sprach hierauf Barmherzig zu Christin, ihrer Schwiegermutter, „ich möchte gern, wenn es sein könnte, die Höhle im Berg sehen, die gewöhnlich der Nebenweg zur Hölle genannt wird.“ Christin tat diesen Wunsch den Hirten kund. Sie gingen also zum Eingang, der an der Seite eines Hügels war. Den öffneten sie und ließen dann Barmherzig eine Weile zuhorchen. Sie lauschte und hörte einen sagen: „Verflucht sei mein Vater, der meine Füße von dem Weg des Friedens und des Lebens abgehalten hat!“ Ein andrer rief klagend aus: „O daß ich wäre in Stücke zerrissen worden, ehe ich, um mein Leben zu erhalten, meine Seele verloren!“ Und ein dritter sprach: „Könnte ich wieder ins Leben zurück, o wie wollte ich mich selber verleugnen, um nicht an diesen Ort zu kommen!“ Alsdann war es, als ob der Erdboden unter ihr bebte und vor Entsetzen stöhnte. Zitternd und leichenblaß wandte sich die junge Frau weg und sprach: „Heil dem, der von diesem Ort der Qual erlöst ist!“

Als die Hirten ihnen dies alles gezeigt, führten sie die Pilger wieder in das Haus zurück und bewirteten sie mit allem, was ihnen zu Gebote stand. Barmherzig aber, wie es jungen Frauen zu gehen pflegt, bekam ein Verlangen nach etwas, das sie daselbst sah. Sie schämte sich jedoch, ihren Wunsch zu äußern, und sah aus, als ob ihr nicht wohl wäre. Christin fragte sie, was ihr fehle. Sie antwortete: „Oben im Speisesaal hängt ein Spiegel, davon ich mein Herz nicht abziehen kann, und es ist mir, als sollte ich ihn um jeden Preis haben.“

Christin. Ich will mit den Hirten darüber reden, und sie werden dir darin gewiß entgegenkommen.

Barmherzig. Aber ich schäme mich, wenn diese Männer erfahren, daß mich danach verlangt hat.

Christin. Nein, meine Tochter, es ist keine Schande, sondern eine Tugend, einen solchen Gegenstand zu begehren.

Barmherzig. Nun dann, Mutter, frage bitte die Hirten, ob sie willens sind, ihn zu verkaufen.

Dieser Spiegel hatte unter Tausenden keinen seinesgleichen[224]. Auf der einen Seite zeigte er einem jeden seine eigenen Züge aufs genauste[225], und auf der andern Seite konnte man das Angesicht und Ebenbild des Königs der Pilgrime selber sehen. Und es haben manche von denen, die in diesen Spiegel geschaut haben, bezeugt, daß sie darin sogar die Dornenkrone auf Seinem Haupt, die Wundenmale in Seinen Händen und Füßen und in Seiner Seite gesehen haben wie mit leibhaftigen Augen. Ja, dieser Spiegel ist von solcher Vortrefflichkeit, daß er jedem den Herrn zeigt, je nachdem seines Herzens Verlangen zu Ihm steht: lebend oder tot, auf der Erde oder im Himmel, im Stand Seiner Erniedrigung oder Seiner Erhöhung, in Seiner Erscheinung zum Leiden oder in Seiner zukünftigen Herrlichkeit[226].

Christin nahm um dieser Sache willen die Hirten, nämlich: Weise, Erfahren, Wachsam und Aufrichtig, beiseite und sagte ihnen von dem dringenden Verlangen, das eine ihrer Schwiegertöchter nach einem in diesem Haus sich befindlichen Gegenstand habe.

Erfahren. Rufe sie; sie soll alles erhalten, was ihr dienlich sein wird.