Die Pilger erhoben sich nun und wandelten unter den Klängen dieser Musik auf und ab, während himmlische Gesichte ihre Augen entzückten. In diesem Land gab es nichts, das sie in irgendeiner Weise unangenehm berührt hätte; nur als sie das Wasser des Stromes, den sie überschreiten sollten, kosteten, schien dieses ihrem Gaumen ein wenig bitter zu sein; aber es ward süß nach dem Genuß.

Es wurde hier auch ein Namensverzeichnis aller Pilger geführt, die vorzeiten da durchkamen, nebst Beschreibung aller ihrer denkwürdigen Taten, die sie vollbracht. Weiter erfuhren unsre Pilger von dem verschiedenen Wasserstand des Stromes, daß nämlich beim Übergang der einen Flut, bei andern Ebbe wäre; etliche seien fast trockenen Fußes hinübergekommen, während bei andern der Fluß fast seine Ufer überflutet habe.

An diesem Ort pflegten die Kinder der Stadt in des Königs Gärten zu gehen und Blumensträuße für die Pilger zu pflücken, die sie ihnen zum Zeichen ihrer Liebe überreichten. Hier wuchsen auch Kampfer, Lavendel, Safran, Kalmus, Zimt, alle Arten von Weihrauchbäumen, Myrrhen und Aloe und andre feine Gewürze. Mit diesen wurden die Kammern der Pilger während ihres Aufenthalts durchräuchert und ihre Leiber gesalbt, um sie auf den Übergang über den Strom vorzubereiten, wenn die ihnen gesetzte Stunde gekommen wäre.

Nachdem sie nun eine Zeitlang hier gewohnt und auf die gute Stunde gewartet hatten, da verbreitete sich eines Tages das Gerücht im ganzen Ort, es wäre aus der himmlischen Stadt eine Botschaft von großer Wichtigkeit angekommen, und zwar an Christin, die Frau des Pilgers Christ. Es ward nach ihr geforscht, und als der Bote das Haus gefunden, übergab er ihr einen Brief mit folgendem Inhalt: „Heil dir, du fromme Frau! Ich bringe dir die Nachricht, daß der Herr dich ruft, und Er erwartet dich binnen zehn Tagen in Kleidern der Unsterblichkeit vor Seinem Angesicht.“

Als der Bote den Brief vorgelesen hatte, da gab er ihr, um sich als echter Gesandter auszuweisen, ein gewisses Zeichen und ermahnte sie, sich eilends aufzumachen. Dieses Zeichen war ein mit Liebe geschärfter Pfeil, der ganz sanft in ihr Herz drang und allmählich so stark bei ihr wirkte, daß sie zu der bestimmten Zeit hinübergehen mußte.

Wie nun Christin sah, daß ihre Zeit gekommen war und daß von dieser Gesellschaft sie als Erste über den Strom gehen würde, da rief sie Herrn Mutherz, ihren Führer, zu sich und teilte ihm mit, wie die Sachen ständen. Er drückte ihr seine herzliche Freude darüber aus und fügte bei, er würde sich glücklich schätzen, wäre diese Botschaft an ihn ergangen. Sie bat ihn ferner um seinen Rat, wie alles für ihre Reise zu ordnen sei. „So und so muß es sein,“ sprach er, „und wir, die wir zurückbleiben, wollen dich bis an das Ufer des Stromes begleiten.“

Hierauf rief sie ihre Kinder und segnete sie. Sie sagte ihnen, daß sie zu ihrem Trost das Zeichen auf ihren Stirnen gesehen und wie sie sich freue, mit ihnen dort zusammenzutreffen und daß sie ihre Kleider weiß erhalten sollten. Das wenige, das sie besaß, vermachte sie den Armen und gebot ihren Söhnen und Töchtern, bereit zu sein, wenn der Bote auch für sie käme.

Nun ließ sie Kämpfer-für-die-Wahrheit zu sich kommen und sagte zu ihm: „Herr, du hast dich allerorten treu und standhaft erwiesen. Sei getreu bis an den Tod, so wird dir mein König die Krone des Lebens geben (Offenb. 2, 10). Ich möchte dich auch bitten, ein Auge auf meine Kinder zu haben, und wenn du sie zu irgendeiner Zeit schwach siehst, so sprich ihnen Mut zu. Was meine Töchter betrifft, meiner Söhne Frauen, so sind sie treu gewesen, und die Erfüllung der Verheißung, die ihnen gegeben ist, wartet ihrer am Ende.“

„Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“ ([S. 330.])