GRÖSSERES BILD

Standhaft gab sie einen Ring.

Den alten Redlich redete sie also an: „Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist!“ (Joh. 1, 47.) Und er antwortete ihr: „Ich wünsche dir einen heitern Tag, wenn du nach dem Berg Zion ausziehst, und werde mich freuen, wenn du trockenen Fußes über den Strom kommst.“

„Ob naß oder trocken,“ erwiderte Christin, „ich sehne mich, hinüberzugehen. Mag das Wetter dann sein, wie es will, wenn ich dorthin komme, werde ich Zeit genug haben, mich auszuruhen und zu trocknen.“

Nach dem kam Hinkfuß herein, sie zu sehen. Sie sprach zu ihm: „Deine bisherige Reise ist sehr beschwerlich gewesen, aber dadurch wird auch deine Ruhe um so süßer sein. Wach und sei bereit, denn der Bote kann zu einer Stunde kommen, da du es nicht meinst.“

Nach ihm trat Verzagt und seine Tochter Furchterfüllt ein. Sie sprach zu ihnen: „Erinnert euch stets mit Dankbarkeit eurer Errettung aus der Hand des Riesen Verzweiflung und aus der Zweifelsburg. Dieser Gnade allein habt ihr es zuzuschreiben, daß ihr sicher bis hierher gelangt seid. So wachet denn und laßt die Furcht fahren; seid nüchtern und haltet fest an der Hoffnung bis ans Ende!“

Zu Kleinmütig sagte Christin: „Du bist aus dem Rachen des Riesen Tugendfeind erlöst worden, auf daß du wandeln mögest in dem Licht des Lebens und den König sehest mit Freuden. Ich rate dir nun, tue Buße wegen deiner Furchtsamkeit und deinem Zweifel an Seiner Güte, bevor Er zu dir sendet, auf daß du nicht, wenn Er kommt, um deswillen mit Beschämung vor Ihm stehen müssest.“

Der Tag kam heran, an dem Christin von hinnen ziehen sollte. Die Straße war voll von Leuten, welche sie wollten abreisen sehen. Aber siehe, das Ufer jenseits des Stromes war voll von Rossen und Wagen, welche von oben herab gekommen waren, um sie zu den Toren der Stadt zu geleiten. Sie trat hervor und ging hinein in den Fluß und winkte den am Ufer Stehenden ein Lebewohl zu. Die letzten Worte, die man von ihr hören konnte, waren: „Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“ Ihre Kinder und Freunde wandten wieder um, denn die, welche auf Christin gewartet, hatten sie schon ihren Augen entrückt. Sie aber zog mit ihnen und ging zu dem Tor ein unter all den Freudenbezeugungen, die ihrem Gatten vor ihr zuteil geworden waren. Bei ihrem Abschied weinten ihre Kinder; Mutherz aber und Kämpfer spielten vor Freuden auf wohlklingenden Zimbeln und Harfen. Ein jeglicher begab sich hierauf an seinen Ort.

Nach einiger Zeit kam abermals ein Eilbote zu der Stadt, und sein Auftrag galt Hinkfuß. Nachdem er ihn gefunden, sprach er: „Ich komme zu dir im Namen dessen, den du geliebt hast, und dem du nachgefolgt bist, wenn auch auf Krücken. Mein Auftrag ist, dir zu sagen, daß Er dich erwartet an seinem Tisch, mit Ihm am Tage nach Ostern das Abendmahl zu halten in Seinem Reich. Darum bereite dich zur Reise!“ Er gab ihm auch ein Zeichen, daß er der rechte Bote sei, und sprach: „Ich habe den silbernen Strick und die goldene Schale zerbrochen[235]“ (Pred. 12, 6).

Hierauf rief Hinkfuß seine Mitpilger zu sich und sagte zu ihnen: „Es ist nach mir gesandt, und Gott wird euch sicherlich auch heimholen.“ Er bat nun Kämpfer, seinen letzten Willen aufzunehmen. Und da er außer seinen Krücken und guten Wünschen nichts zu vermachen hatte, sprach er: „Diese Krücken hinterlasse ich meinem Sohn, der in meine Fußstapfen treten soll, mit vielen warmen Wünschen, daß er sich besser als ich bewähren möge.“ Er dankte noch Mutherz für sein Geleit und alle seine Freundlichkeit und schickte sich zur Reise an. Als er an den Strom kam, rief er aus: „Nun werde ich dieser Krücken nicht mehr bedürfen, denn da drüben sind Wagen und Rosse, die auf mich warten.“ Die letzten vernehmbaren Worte waren diese: „Willkommen, o Leben!“ So schied er dahin.