Nach diesem erhielt Kleinmütig Nachricht, daß des Eilboten Horn vor seiner Tür erschollen sei. Der Bote trat ein mit dem Bericht: „Ich bin gekommen, dir anzuzeigen, daß der Meister deiner begehrt und daß du in kurzer Frist Sein Angesicht im Lichte schauen sollst. Und dies nimm zum Zeichen, daß meine Sendung wahr ist: „Finster werden, die durch die Fenster sehen“ (Pred. 12, 3). Alsbald rief Herr Kleinmütig seine Freunde zusammen, erzählte ihnen von der erhaltenen Botschaft und fuhr fort: „Dieweil ich gar nichts habe, das ich jemand vermachen könnte, wozu sollte ich ein Testament machen? Was meinen Kleinmut betrifft, so will ich den zurücklassen, denn dort, wohin ich gehe, ist kein Platz für ihn; auch ist er nicht wert, dem ärmsten Pilger verliehen zu werden. Darum bitte ich dich, Kämpfer, ihn nach meinem Abscheiden in einem Winkel zu verscharren.“ Als der Tag seiner Abreise kam, begab er sich wie die andern an den Fluß. Seine letzten Worte waren: „Harre aus im Glauben und in der Geduld!“ Und er kam hinüber auf das jenseitige Ufer.
Nach Verlauf etlicher Wochen meldete sich der Bote bei Herrn Verzagt mit der Botschaft: „O du zitternder Mann, hiermit sollst du erinnert werden, dich fertig zu machen, auf den nächsten Sonntag bei dem König zu sein, zu jauchzen vor Freude über der Erlösung aus allen deinen Zweifeln. Und zum Beweis der Echtheit meiner Botschaft höre dies: Die Heuschrecke soll beladen werden“ (Pred. 12, 5).
Als seine Tochter Furchterfüllt den Sachverhalt erfuhr, wünschte sie mit ihrem Vater zu ziehen. Verzagt sprach zu seinen Freunden: „Ihr wißt, wie es mit mir und meiner Tochter gewesen und wie beschwerlich wir mit unserm Zustand allen Gefährten gefallen sind. Mein und meiner Tochter Wille ist, daß unsre Verzagtheit und knechtische Furcht nach unserm Abscheiden von keinem Menschen mehr mögen besessen werden. Aber ich weiß wohl, daß sie sich nach meinem Tod von selbst wieder andern anbieten werden. Ach es sind, um es euch offen zu gestehen, Gespenster, die wir am Anfang unsrer Pilgerreise aufnahmen und die wir hernach nicht mehr loswerden konnten. Und sie werden auch ferner umherwandern und bei Pilgern Aufnahme suchen. Aber wir bitten euch, schließt ja die Türen vor ihnen zu!“
Zur bestimmten Stunde begaben sie sich an den Strom. Die letzten Worte von Verzagt waren: „Fahr hin, Nacht! Willkommen Tag!“ Seine Tochter ging singend durch den Fluß; aber keiner konnte verstehen, was sie sang.
Bald darauf kam ein Bote in die Stadt, der nach Herrn Redlich fragte. Er trat in sein Haus und überbrachte ihm folgende Nachricht: „Dir wird geboten, dich über acht Tage fertig zu halten, vor deinem Herrn in seines Vaters Haus zu erscheinen. Und mein Zeichen ist dieses: ‚Gedämpft sind alle Töchter des Gesangs‘ (Pred. 12, 4).“ Da berief Redlich seine Freunde zu sich und sprach zu ihnen: „Ich sterbe; ich werde aber kein Testament machen. Was meine Redlichkeit betrifft, so soll sie mit mir gehen; wer nach mir kommt, möge sich dies gesagt sein lassen.“
Am Tage seines Scheidens trat der Fluß an manchen Stellen über seine Ufer. Redlich hatte aber noch bei seinen Lebzeiten einen namens Gutgewissen bestellt, ihn dort zu treffen. Dieser stellte sich nun ein, reichte ihm die Hand und half ihm hinüber. Seine letzten Worte waren: „Die Gnade herrscht!“ So verließ er die Welt.
Nach diesem ward es ruchbar, daß Kämpfer-für-die-Wahrheit gleichfalls seine Aufforderung zur Abreise empfangen habe, und zwar unter dem Merkmal: „Der Eimer zerfällt an der Quelle“ (Pred. 12, 6). Von seinen Freunden, die er um sich versammelte, verabschiedete er sich also: „Ich gehe zu meinem Vater, und wiewohl ich unter großen Beschwerden hierher gelangt bin, so gereut mich doch jetzt die Mühe nicht, die ich darum gehabt habe. Mein Schwert soll der erben, der mir in meiner Pilgerschaft nachfolgen wird, und meinen Mut und meine Gewandtheit verleihe ich dem, der sie erlangen kann. Meine Striemen und Narben nehme ich mit mir zum Zeugnis, daß ich den Kampf dessen gekämpft habe, der nun mein Vergelter sein wird.“ Am Tag der Abreise begleiteten ihn viele zum Ufer. Mit den Worten: „Tod, wo ist dein Stachel?“ stieg er in den Fluß. Und als er tiefer hinabsank, rief er: „Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Kor. 15, 55.) So kam er hinüber, und mit Posaunenschall ward er empfangen.
Danach kam eine Aufforderung an Standhaft. Der Eilbote legte sie ihm offen in seine Hände. Ihr Inhalt war: Er solle sich zum Abschied aus diesem Leben bereitmachen, denn sein Meister wolle nicht, daß er länger fern von Ihm bleibe. Standhaft hatte anfangs einige Bedenken. Doch der Bote sprach: „Du brauchst an der Wahrheit meiner Botschaft nicht zu zweifeln, hier ist das Zeichen: ‚Das Rad wird zerbrochen am Born‘ (Pred. 12, 6).“ Er berief hierauf den Führer Mutherz zu sich und sprach zu ihm: „Lieber Herr, wiewohl ich auf meiner Wallfahrt deine Gesellschaft nur kurze Zeit genießen durfte, so bist du mir doch stets sehr förderlich gewesen. Ich weiß, du wirst wieder zu deinem Herrn zurückkehren, um noch andre Pilger hierher zu geleiten. Ich bitte dich, bei deiner Rückkunft zu meiner Frau und meinen fünf Kindern zu schicken, die ich beim Antritt meiner Pilgerreise zurückließ, und ihnen ausführlichen Bericht über mich zu erstatten. Sage ihnen von meiner glücklichen Ankunft an diesem Ort und von meinem seligen Abscheiden. Erzähle ihnen auch von Christ und Christin, und wie sie mit ihren Kindern ihrem Mann nachgefolgt ist, auch von ihrem herrlichen Ende und ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Außer meinen Gebeten und Tränen habe ich nichts, das ich meiner Familie schicken könnte. Es ist wohl genug; wenn du sie damit bekannt machst, könnte sie vielleicht dadurch gewonnen werden.“
Also ordnete Standhaft alle seine Angelegenheiten, und als sein Tag kam, begab auch er sich zum Fluß. Dieser hatte zu der Zeit nur wenig Wasser und einen ruhigen Lauf, weshalb Standhaft in der Mitte des Stromes stillstand und sich mit folgenden Worten an seine Freunde wandte:
„Dieser Strom ist vielen ein Schrecken gewesen, ja, ein bloßer Gedanke daran versetzte mich früher schon in Angst. Jetzt aber ist es in meinem Herzen ganz still, ich stehe sicher. Meine Füße ruhen auf demselben Grund, worauf die Füße der Priester standen, welche die Bundeslade trugen, während Israel über den Jordan ging (Jos. 3, 17). Wohl ist dies Wasser dem Gaumen bitter und dem Magen kalt, aber der Gedanke an die herrliche Zukunft und an das himmlische Geleit, welches jenseits auf mich wartet, glüht wie ein Feuer in meinem Herzen. Ich sehe mich nun am Ziel meiner Reise, die Tage der Mühe und Arbeit sind zu Ende. Ich darf nun bald den sehen, dessen Haupt mit Dornen gekrönt war und dessen Angesicht um meinetwillen verspeit ward. Bisher habe ich im Glauben gelebt; nun aber ziehe ich dahin, wo ich im Schauen leben und bei dem sein werde, dessen Nähe meine Wonne ist. Ich habe von nichts lieber gehört als von meinem Herrn, und wo ich nur Seine Fußstapfen auf Erden erblickte, da habe auch ich meine Füße hinzusetzen begehrt. Sein Name ist mir gewesen wie eine ausgeschüttete Salbe (Hohesl. 1, 3), ja lieblicher als aller Weihrauchduft. Nichts klang in meinen Ohren süßer als Seine Stimme; nach Seinem Angesicht habe ich mich stärker gesehnt als nach dem Licht der Sonne. Seine Worte waren meine Speise und Stärkung in der Schwachheit. Er hat mich erhalten und meine Übertretungen fern von mir sein lassen, ja, meine Schritte sind fest geworden auf Seinem Weg.“