„Herr,“ sagte Christ, „hier ist ein Reisender, dem durch einen Bekannten des gütigen Herrn dieses Hauses geraten worden ist, hier sich unterweisen zu lassen. Ich wünsche daher mit dem Hausherrn zu sprechen.“ Dies wurde dem Herrn gemeldet, der auch nach einer kleinen Weile herauskam und Christ fragte, was sein Begehr sei.

„Herr,“ sagte Christ, „ich bin ein Mann, der aus der Stadt Verderben kommt, und ich gehe nach dem Berg Zion. Von dem Mann, der an der Pforte am Eingang dieses Weges steht, ist mir gesagt worden, daß, wenn ich hier vorspräche, du mir herrliche Dinge zeigen würdest, die mir für meine Reise sehr dienlich wären.“

Da sprach der Ausleger: „Komm herein! Ich will dir zeigen, was dir von Nutzen sein wird.“ Er befahl seinem Diener, ein Licht anzuzünden, hieß Christ ihm folgen und führte ihn zu einem besondern Zimmer, welches sein Diener aufschloß. Als dies geschehen war, sah Christ das Bild eines ehrwürdigen Mannes an der Wand hangen, und es war also beschaffen: Seine Augen waren gen Himmel erhoben, das Buch der Bücher hatte er in seiner Hand, das Gesetz der Wahrheit war auf seinen Lippen, und der Welt hatte er den Rücken gewandt; so stand er da wie einer, der eifrig mahnt und bittet, und über seinem Haupt hing eine goldene Krone.

Christ fragte: „Was soll dieses Bild darstellen?“

Ausleger: Der Mann ist einer aus Tausenden; er kann mit dem Apostel sagen: „Ob ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet in Christus, so habt ihr doch nicht viele Väter; denn ich habe euch gezeugt in Christus Jesus durchs Evangelium“ (1. Kor. 4, 15) und: „Meine lieben Kinder, welche ich abermals mit Ängsten gebäre, bis daß Christus in euch eine Gestalt gewinne“ (Gal. 4, 19). Daß du ihn mit gen Himmel gerichteten Augen siehst, das Buch der Bücher in seiner Hand und das Gesetz der Wahrheit auf seinen Lippen, will andeuten, daß es sein Werk ist, nicht allein dunkle Dinge zu erkennen, sondern sie auch den Sündern auszulegen. Deshalb siehst du ihn auch stehen wie einer, der die Leute eindringlich ermahnt und bittet[37]. Daß du siehst, daß er die Welt hinter sich hat und daß über seinem Haupt eine Krone hängt, soll andeuten, daß er aus Liebe zum Herrn die Güter dieser Welt geringschätzt und verschmäht in der Gewißheit, der Herrlichkeit in jener Welt teilhaftig zu werden. — Ich habe dich nun dies Bild zuerst sehen lassen, weil der Mann, den es darstellt, der einzige ist, welchem der Herr des Orts, wohin du gehst, die Vollmacht gegeben hat, dein Führer zu sein an all den schwierigen Stellen, an welche du auf deinem Wege kommen kannst. Habe also genau acht auf das, was ich dir gezeigt habe, und drücke dieses Bild tief in dein Herz und denke daran, wenn du auf deiner Reise mit solchen zusammentriffst, welche vorgeben, dich recht zu leiten, daß deren Weg in den Tod hinabführt.

Hierauf nahm ihn der Ausleger bei der Hand und führte ihn in einen geräumigen, mehr im Innern des Hauses gelegenen Saal, welcher voller Staub war, da er niemals ausgekehrt worden war. Nachdem Christ sich hier eine Weile umgesehen hatte, rief der Ausleger einen Diener, dem er den Befehl gab, den Saal auszukehren. Als dieser nun zu kehren anfing, erhob sich ein so übermäßiger Staub, daß Christ beinahe erstickt wäre. Der Ausleger gebot hierauf einer Magd, Wasser zu bringen und den Fußboden zu besprengen, und sobald dies geschehen war, konnte man ihn mit Leichtigkeit auskehren und säubern.

„Was bedeutet nun das?“ fragte Christ.

„Dieser Saal,“ erklärte der Ausleger, „stellt das menschliche Herz dar, solange es noch nicht durch die süße Gnade des Evangeliums geheiligt ist. Der Staub ist die angeborene Sünde, das inwendige Verderben, das den ganzen Menschen verunreinigt. Jener, der zuerst kehrte, ist das Gesetz; diese, die das Wasser brachte und sprengte, das Evangelium. Wie bei der Bemühung des erstern sich ein gewaltiger Staub erhob, der die Reinigung des Saales unmöglich machte[38], du aber fast ersticktest, so macht das Gesetz, anstatt das Herz von der Sünde zu reinigen, dieselbe vielmehr lebendig[39] und kräftig[40] und bewirkt, daß sie mächtiger werde in dem Herzen[41], indem es die Sünde zwar aufdeckt und verbietet, aber keine Kraft gibt, sie zu überwinden.

Dagegen, wie die Jungfrau den Saal mit Wasser besprengte, worauf er sich leicht reinigen ließ, so wird, wenn das Evangelium mit seinen sanften, himmlischen Kräften in das Herz dringt, die Sünde besiegt und unterworfen, die Seele wird durch den Glauben gereinigt[42] und somit zubereitet, daß der König der Herrlichkeit in ihr Wohnung machen kann[43].“

Ferner sah ich in meinem Traum, daß der Ausleger Christ bei der Hand faßte und in ein kleines Gemach zog, in welchem zwei Kinder saßen. Das ältere hieß Begierde, das andre Geduld. Begierde erschien höchst unzufrieden und mürrisch, Geduld aber ganz ruhig und freundlich. Christ fragte nun: „Aus welchem Grund ist Begierde so unzufrieden?“ „Der Erzieher der Kinder,“ sagte der Ausleger, „hat ihnen kostbare Geschenke versprochen, die sie zu Anfang des nächsten Jahres erhalten sollen. Begierde will sich nicht auf die Zukunft vertrösten lassen, sie verlangt alles sogleich zu haben; Geduld hingegen wartet mit Freuden.“