Nun sah ich, wie jemand zu Begierde hereinkam und ihr eine Menge kostbarer Dinge überbrachte, welche sie mit großer Hast und mit spöttischem Lächeln annahm, da ihre stille Nachbarin leer ausging. Ich sah aber eine Weile zu und siehe, es währte nicht lange, da hatte sie schon alles vergeudet und durchgebracht, und es blieb nichts übrig als ein Häufchen alter Lumpen.

Da sprach Christ zum Ausleger: „Erkläre mir doch dieses deutlicher!“

Ausleger. Diese beiden Kinder sind Sinnbilder. Begierde ist ein Bild der Kinder dieser Welt, und Geduld ist ein Bild der Kinder der zukünftigen Welt. Wie du gesehen hast, daß Begierde alles in diesem Jahr, d. h. in dieser Welt haben will, so tun die Kinder dieser Welt, sie wollen ihr Gutes schon heute, in diesem Leben dahinnehmen; sie können nicht warten bis zum nächsten Jahr, das ist bis in die zukünftige Welt, wo ihr Teil von Gott zugemessen ist. Das Sprichwort: „Ein Vogel in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach“ gilt bei ihnen mehr als die Zeugnisse Gottes von den Gütern der zukünftigen Welt. Wie du aber Begierde siehst alles in kurzer Zeit durchbringen und nichts andres übrigbehalten als Lappen und Lumpen, so wird es auch mit allen solchen Menschen gehen am Ende dieser Welt.

„Nun sehe ich,“ sagte Christ, „daß Geduld allein weise ist, und zwar aus verschiedenen Gründen, einmal, weil ihr Herz nach den besten Gütern trachtet, und zum andern, weil sie dann im Besitz der Herrlichkeit ist, wenn die andre in Elend und Schmach dasitzt.“

Ausleger. Ja, so ist’s, und wir können noch hinzufügen, daß die Herrlichkeit der zukünftigen Welt nimmer vergeht, während die Schätze dieser Welt im Nu vorbei sind. Deshalb hat Begierde keine Ursache, über Geduld zu lachen, darum daß sie ihr Gutes zuerst empfangen hat; vielmehr könnte Geduld über Begierde lachen, weil sie ihr Gutes zuletzt empfängt; denn das Erste muß dem Letzten weichen, das Letzte aber hört nimmer auf, da ihm kein andres folgt. Darum muß derjenige, der sein Teil zuerst genießt, notwendig eine Zeit haben, es zu verbrauchen; wer aber sein Teil zuletzt hat, der wird es für immer besitzen. Darum wird zu dem reichen Mann gesagt: „Du hast dein Gutes empfangen in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt“ (Luk. 16, 25).

Christ rief aus: „Nun sehe ich, daß es nicht ratsam ist, nach gegenwärtigen Gütern zu trachten, sondern zu warten auf die zukünftigen!“

Darauf sprach der Ausleger: „Da hast du recht gesagt; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig (2. Kor. 4, 18). Obschon dies nun also ist, so stehen doch die zeitlichen Dinge und die fleischlichen Lüste in naher Beziehung zueinander, während die zukünftigen Dinge und der fleischliche Sinn einander stets fremd bleiben. Daher schließen auch die ersten beiden so schnell Freundschaft miteinander, die letztern aber lassen sich nimmer vereinen.“

Nun sah ich in meinem Traum, daß der Ausleger Christ bei der Hand nahm und ihn in einen Raum führte, wo ein Feuer an einer Mauer brannte, welches ein daneben Stehender mit Wasser auszulöschen bemüht war. Es wollte ihm aber nicht gelingen, vielmehr loderte das Feuer immer kräftiger empor.

Christ fragte: „Was soll das bedeuten?“

Der Ausleger erwiderte: „Dies Feuer bedeutet das Werk der Gnade im Menschen, welches der arge Feind, der Teufel, so sehr er sich bemüht, nicht auszulöschen vermag. Die Ursache davon sollst du gleich sehen.“ Bei diesen Worten führte er ihn an die hintere Seite der Mauer, wo dem Feuer gegenüber eine Öffnung zu bemerken war, durch welche ein Mann aus einem Gefäß, das er in seiner Hand hielt, beständig, aber unbemerkt Öl in das Feuer goß.